Happy New Year 

Normalerweise sehe ich die Silvesternacht wie jede andere auch. Es ist nur ein Datum, nur ein Monatswechsel. Aber doch ist Silvester ein bisschen anders, besonders. Manchmal braucht man die Möglichkeit, einen Abschluss zu finden. Oder einen Start. Oder beides. Natürlich kann man das an jedem beliebigen Tag machen, aber Silvester ist nunmal der Jahreswechsel, da bietet sich das an.

Vorsätze? Nicht wirklich. Zumindest nicht diese Klassiker wie mehr Sport, gesunde Ernährung oder so ein Blödsinn. Es sind eher Wünsche und bei einigen weiß ich schon, dass sie wohl in Erfüllung gehen werden. Ich möchte gerne reisen und schöne neue Orte kennenlernen. Ich möchte gerne viel Zeit mit Menschen verbringen, die mir gut tun. Ich möchte gerne in meiner Fortbildung neue Dinge lernen (und verstehen). Ich möchte gerne viele Bücher lesen, Neues ausprobieren, ruhige Stunden auf meinem Sofa verbringen und noch mehr kochen (und essen). Ich möchte gerne ein guter Mensch sein, hilfsbereit, wertschätzend und freundlich. Das ist vielleicht der schwierigste Wunsch. Der wichtigste Wunsch aber ist: Gesundheit. Ich wünsche mir für mich, meine Familie und meine Freunde, dass wir gesund bleiben oder werden. Gesundheit und Zeit, der Rest ist die Kür.

Auf 2018, auf ein neues Jahr. 

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Geteiltes Glück…

Weihnachten steht vor der Tür! Ich kann es nicht mehr wegdiskutieren, obwohl es mir wie jedes Jahr alles zu schnell und zu früh geht. Da pellte sich noch der Sonnenbrand auf den Schultern, als es schon die ersten Spekulatius und Lebkuchen gab. Und jetzt eskalieren schon einige in ihrer Weihnachts- und Adventsdeko während ich finde, dass ich dem Herbst – ansich ja auch eine ganz schöne Jahreszeit, die durchaus ihre Reize und Vorzüge hat – noch gar nicht ausreichend gehuldigt hatte. Mit huldigen meine ich übrigens nicht zwingend dekorieren, ich hab es ja eh nicht so mit Deko. Meine Weihnachtsdeko fällt auch verhältnismäßig sparsam aus und vor allem – sie ist noch verstaut. Wenn ich jetzt schon alles schmücken würde, würde es mir vor Weihnachten bereits auf die Nerven gehen. Ich hatte auch noch keinen Lebkuchen. Ich bin noch nicht so weit. Jeder wie er mag.

Trotzdem habe ich mir schon Gedanken gemacht, ich habe sogar schon die ersten Geschenke besorgt, über Essen nachgedacht (das ist immer eine gute Sache) und auch über die Vorweihnachtszeit. Und auch über die Flut an Schokoladengedöns, die ich erfahrungsgemäß erwarten kann. Und die – manch einer mag das kaum glauben – dann irgendwann im Sommer oder spätestens im nächsten Winter entsorgt wird. Es ist nämlich so: ich stehe gar nicht so auf Schokolade. Und wenn, dann nur auf die dunkelste Schokolade, die man so kaufen kann. Milchschokolade vertrage ich zudem nämlich auch nicht so gut, da lässt man die dann auch schon mal freiwillig liegen. Das mit der Schokolade und mir war nicht immer so, das hat sich in den letzten Jahren so entwickelt. Aber mittlerweile esse ich wirklich selten Schokolade und dann muss ich da auch richtig Bock drauf haben. Müsste ich zwischen Schokolade und einem Leberwurstbrot entscheiden, die Schokolade hätte meist schlechte Karten. Ich esse auch lieber eine Vorspeise als ein Dessert, nur Kuchen kann mich noch so richtig wirklich begeistern.

So, Ende des langen Vorgeplänkels, jetzt mal Tacheles: in der Vorweihnachtszeit bekomme ich oft Unmengen an Schokolade, allein bei der Arbeit. Und es ist viel zu schade, das alles irgendwann wegzuwerfen. Und deswegen habe ich beschlossen, dass ich ab sofort und bis zum Abschluss des Weihnachtsfestes (das ist ja auch häufig erst Mitte Januar alles erledigt) jede mir geschenkte Süßigkeit spende und zwar an das Gast-Haus e. V. in Dortmund. Das ist eine ökumenische Wohnungslosen-Initiative, die unter anderem Mahlzeiten an Obdachlose ausgibt. Und weil Weihnachten ist, werde ich jede mir geschenkte Süßigkeit verdoppeln, also das gleiche bzw. etwas vergleichbares nachkaufen und noch mit dazugeben.

Warum das Gast-Haus? Isso. Langfassung: ich war im Spätsommer einmal für etwa anderthalb Minuten dort vor Ort, weil ich eine Marmeladenspende für das Frühstück abgegeben habe. Nach diesen anderthalb Minuten brauchte ich etwa anderthalb Stunden bis ich mich wieder einigermaßen gesammelt hatte. Natürlich gibt es viele Einrichtungen, die immer Unterstützung gebrauchen können und ich kann mir gut vorstellen, dass ich die Aktion im nächsten Jahr mit einem anderen Empfänger wiederhole.

Und warum ich das überhaupt erzähle? Mein erster Chef sagte immer: Tu Gutes und sprich darüber. Vielleicht überlegt sich der ein oder andere ja ebenfalls, mal auf die Weihnachtssüßigkeiten zu verzichten. Müssen ja auch nicht alle sein. Wer mag und ebenfalls aus Dortmund kommt, der kann mir die Sachen auch geben und ich bringe sie dann gesammelt zum Gast-Haus. Ansonsten kann man sich dort auch einfach melden und fragen, wann man die Sachen abgeben kann. Wie auch immer: Kleinvieh macht halt auch Mist und geteiltes Glück ist doppeltes Glück.

7 Jahre Dortmund

Schon wieder ein Jahr herum, wieder jährt sich mein Umzug nach Dortmund. Manchmal bin ich selbst erstaunt, dass es „erst“ sieben Jahre her ist, es kommt mir länger vor. Ich glaube, das ist ein ganz gutes Zeichen. Auch wenn ich Bielefeld noch regelmäßig vermisse und von dem ständigen Gefühl begleitet werde, zu selten dort und bei meiner Familie und meinen Freunden zu sein.

Michael hat neulich über Heimat geschrieben. Da habe ich dann sehr lange drüber nachgedacht. Heimat. Was ist das für mich? Dass es die Kleinstadt ist, in der ich aufgewachsen bin, das habe ich schon vor langer Zeit für mich ausgeschlossen. Bielefeld, die Stadt, die mich so geprägt hat? Oder Dortmund, wo ich jetzt lebe und nicht mehr wegziehen möchte? Nach einigen Stunden auf dem Sofa, im Stau, in der U-Bahn oder während Planking-Übungen beim Sport, in denen ich über Heimat nachgedacht habe, kam ich zu folgendem Ergebnis: Heimat ist für mich kein Ort. Kein fester Ort. Heimat ist überall dort, wo ich mich „heimisch“ fühle. Und das liegt meistens an den Menschen um mich herum, oder es sind besondere Orte, zum Beispiel mit schönen Erinnerungen. Heimat ist für mich, mit meiner Familie am Esstisch zu sitzen, Heimat ist für mich der Siggi in Bielefeld. Heimat ist meine Wohnung, natürlich. Heimat ist mit Freunden Sushi zu essen. Heimat ist mit dem Patenkind Zeit zu verbringen. Heimat ist am Bergmannkiosk ein Feierabendbier trinken. Heimat ist, in seinen Armen einzuschlafen. Und manchmal sind es auch Erinnerungen oder Musik. Die Nächte (und Tage) früher im Mellow Gold zum Beispiel, das empfinde ich als Heimat.

Dinge ändern sich. Städte ändern sich. Menschen ändern sich. Ich habe mich in den letzten sieben Jahren mit Sicherheit verändert. Und das ist gut so und fühlt sich richtig an. Veränderungen, Entwicklungen sind wichtig und schon immer ein Teil von mir. Die Wohnortwechsel gehörten dazu und ich habe bisher keinen bereut. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, das jemals zu bereuen. Ich bin glücklich hier und ich trage eine Menge Heimat in mir. Und Dortmund hat mir auf jeden Fall dabei geholfen, dass das so ist.

on tour: Klimahaus Bremerhaven

Eigentlich wollten wir Freunden eine Weltreise zur Hochzeit schenken, aber das Budget reichte dann ganz knapp nicht dafür aus und deswegen improvisierten wir ein wenig und schenkten alternativ einen Ausflug zum Klimahaus im Bremerhaven. Der Vorteil: (fast) der ganze Freundeskreis konnte mitkommen und wir konnten gemeinsam die Weltreise antreten. Denn eine Weltreise erlebt man während seines Aufenthalts dort, immer entlang des 8. Längengrads. Start und Ende liegen natürlich in Bremerhaven, außerdem besucht man Isenthal in der Schweiz, Seneghe auf Sardinien, Kanak im Niger, Ikenge in Kamerun, die Antarktis, Satitoa auf Samoa, Gambell in Alaska und die Hallig Langeness in Deutschland. Diese Destinationen liegen ebenfalls alle auf dem gleichen Längengrad und so reist man einmal um die ganze Erde und nimmt alle Klimazonen mit. Unterwegs erlebt man eine Menge, sieht Landschaften und Tiere, lernt Menschen kennen, erfährt Einzelheiten über die Länder.

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Man lernt, wie die Menschen dort mit dem Klima umgehen, wie sich in den letzten Jahren ihr Leben verändert hat – und auch, warum es sich so verändert hat. Je länger man unterwegs ist, desto klarer wird einem, dass man selbst einer der Gewinner der Globalisierung ist, es aber sehr viele Verlierer gibt. Man lernt auch: Klimawandel betrifft uns irgendwann alle, die einen eher, die anderen später. Und es wird einem sehr bewusst, wie viel Glück man hat, hier zu leben. Wir leben so ungefähr das angenehmste Leben auf diesem Planeten und sollten zum einen sehr viel dankbarer dafür sein und zum anderen viel mehr über unseren Tellerrand zu schauen und zu erkennen, wie es in anderen Regionen ist.

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Die Tour durch das Klimahaus hilft einem sehr dabei, denn die einzelnen Regionen sind sehr gut dargestellt. In der Wüste ist es heiß, in der Antarktis eiskalt. Das ist anstrengend, aber alles machbar. Viele Dinge sind nachgebaut und dadurch gut vorstellbar. Außerdem kann man eine Menge ausprobieren, kurze Filme anschauen und Texte lesen. Die Tour durch das Klimahaus ist schonungslos. Sie zeigt einem die Probleme der Welt, ausgelöst durch Klimaveränderungen und Globalisierung. Sie zeigt einem, dass zum Beispiel Samoa gar nicht so ein Südseeparadies ist, wie man es sich vorstellt, sondern dass die Insel bald im Müll erstickt, seit es die Möglichkeit gibt, Lebensmittel bequem und im Überfluss zu kaufen und die Einwohner nicht nur darauf zurückgreifen, was sie wirklich brauchen und was die Natur ihnen bietet.

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Wenn man nach der Weltreise noch nicht genug hat, dann kann man sich weiter informieren, es gibt Zukunftsausblicke – die nicht rosig sind – ein Wetterstudio, Informationen zu Offshore Windparks und ein World Future Lab.

Die Reise durch das Klimahaus hat uns alle beeindruckt und wir haben auch am Abend noch länger über Nachhaltigkeit und das eigene Verhalten gesprochen. Die kleinen Dinge, die man selbst machen kann und die man auch ohne größere Einschränkungen in seinen Alltag integrieren kann. Es gibt so zahlreiche davon. Das Klimahaus macht es einem bewusst, dass man verantwortlich ist – das ist nicht immer schön und einfach. Aber die Ausstellung zeigt es so anschaulich, lebendig und interessant, dass es einfach Spaß macht. Ohne erhobenen Zeigefinger. Von daher meine absolute Empfehlung für euch, das Klimahaus mal zu besuchen und auf sich wirken zu lassen. Die Weltreise im Kleinformat.

cof

Mein Internet. Mein Dorfplatz.

Das Internet ist ne fiese Bitch und gleichzeitig meine beste Freundin. Nichts nervt mich mehr und ist gleichzeitig so toll und irgendwie auch überlebensnotwendig. Ernsthaft. Im Grunde ist das Internet ein Ort voller Hass, Hetze, Gewalt und ekelhafter Selbstinszenierung. Das Internet ist aber auch ein Ort voller Pinguinvideos (oder Eselbabys!!!), wunderbaren Inspirationen, der Möglichkeit die wunderbarsten Menschen kennen zu lernen und bringt mich auf schnellstem Weg zu meinem Ziel oder schlägt mir Urlaubsorte vor.

Machen wir es kurz: die Internet ist wie die ganze Welt. Im großen und ganzen ist die scheiße. Kriege, Umweltkatastrophen, Korruption, Waffen, größenwahnsinnige Männer, die es geschafft haben, Landesoberhaupt zu werden. Hass. Hass. Hass. Und schlechtes Wetter. Aber deine eigene Welt, die kann trotzdem wunderbar sein. Die besteht aus wunderbaren Freunden, guten Gesprächen, Reisen, der großen Liebe, einem Job, der dich erfüllt. Im besten Fall aus allem davon.

Das komplette Internet wird niemand genau kennen und dabei meine ich noch nicht einmal unbedingt das Darknet. Jeder nutzt nur einen kleinen Bereich, den man sich irgendwie selbst gestaltet. Mir wird in letzter Zeit häufiger klar, dass ich mich in meinem realen Leben und meinem eigenen Internetdorf ziemlich gut und harmonisch eingerichtet habe. Filterbubble und so. Klappt halt nur nicht immer so gut. Gelegentlich kommen Leute einfach rein spaziert und werfen ihren (gedanklichen) Müll in deine Welt. Egal ob real oder virtuel. Das passiert bei der Arbeit mit nervigen Anrufern, während der Rush Hour in der vollen U-Bahn oder mit Trollen bei Facebook. Fast noch schlimmer aber ist es, wenn man selbst die Tür öffnet und die ganzen Nervenbratzen reinlässt. Das passiert mir in der wirklichen Welt eher nie, in der virtuellen Welt schon. Sogar obwohl ich weiß, dass ich davon genervt sein werde. Vor allem Instagram bietet sich dafür außerordentlich gut an. Nur eben schnell mal nachschauen, bei den ganzen superdurchgestylten Accounts und dann schreiend im Kreis laufen. Bei jedem einzelnen „Do More Of What Makes You Happy“ geht mir das so. Oder wenn mir im Grunde fremde Leute erklären wollen, wie mein Leben schöner und viel toller wird. Trotzdem klicke ich wieder drauf, wie eine Fliege, die immer wieder vors Fenster fliegt. Und ich kann es nicht erklären. Es ist ein bisschen, wie wenn man sich selbst den Schorf einer verheilenden Wunde abknibbelt. Man weiß, dass es dumm ist und weh tun wird. Aber irgendwas bringt einen trotzdem dazu. Da läuft was falsch im Hirn.

Manchmal muss man seine Filterblase ein bisschen verlassen. Über den eigenen Tellerrand. Nachrichten gucken, mit Leuten über Politik sprechen, in den überfüllten Regionalexpress steigen. Ich kann nicht immer die Augen davor verschließen, was außerhalb meiner eigenen kleinen Welt passiert. Ich muss halt nur daran denken, nicht immer und immer wieder mit dem Kopf vor die Scheibe zu fliegen. Irgendwann schaff ich das. Ich schau nur noch mal eben bei Instagram, wie andere Leute mein Leben organisieren wollen. Morgen dann aber. Bestimmt.

Der Herr der Zeit 

Von der Dortmunder Innenstadt ostwärts führt der Hellweg entlang. Dort reihen sich Stadtteile wie an einer Perlenschnur entlang. Körne, Wambel, Brackel, Asseln, Wickede. In der Reihenfolge vom Zentrum entfernt. Jeder Stadtteil hat ein eigenes „Zentrum“ und das ist immer am Hellweg. Dort fährt die Straßenbahn entlang und dort sind die Geschäfte. Ich wohne in Körne, also noch recht nah an der Innenstadt. Die Wohnung ist nicht direkt am Hellweg, sondern in einer ruhigeren Seitenstraße, aber ich bin häufig dort, weil ich viel mit der Straßenbahn unterwegs bin und dann dort ein- bzw. aussteige. In Körne gibt es Supermärkte – deutsch, türkisch, polnisch – eine Drogerie, verschiedene Restaurants und Imbisse, Blumenläden, zwei Eisdielen, ein Hörgeräteakustiker, Friseure, einen Änderungsschneider, einen Schlüsseldienst, mehrere Apotheken, einen Bäcker und einiges mehr. Ich mag das sehr. Manche Geschäfte interessieren mich weniger, aber grundsätzlich finde ich es sehr schön, so ein gemischtes und großes Angebot vor der Haustür zu haben. Am allerallerliebsten aber gehe ich zu Ali. Ali ist Uhrmacher und hat einen winzigen Laden, der über und über mit Uhren vollgestopft ist. Während er deine Uhr repariert oder die Batterie wechselt, darf man neben ihm sitzen und ihm zusehen. Als ich das erste Mal bei ihm war, hat er während er mein Armband repariert hat, geraucht und ein Bier getrunken. In seinem Laden dudelt immer ein Radio und es ticken tausend Uhren.

Ali ist geschätzt Ende 50 und ist Kurde.  Er hat mir erzählt, dass er aus Kurdistan kommt, aber mittlerweile schon so lange in Deutschland lebt, dass er wie ein richtiger Deutscher ist. Ali spricht leider nicht wirklich gut deutsch, aber es reicht, um sich zu unterhalten. Und es reicht auch, um meine eine Uhr zu loben und über meine andere Uhr zu schimpfen. An der Uhr ist alles billig, aber ich mag sie einfach trotzdem sehr. Und er sagt, dass es keine gute Uhr ist, aber er verstehen kann, warum sie mir gefällt.

Alis Nachbarin ist Friseurin, ihr Salon neben seinem Laden. Ihre Uhr repariert er umsonst, dafür schneidet sie ihm die Haare. Ich selbst habe bei Ali noch nie soviel bezahlt wie er anfangs behauptet. Irgendwie „verliert“ er unterwegs immer ein paar Euro und selbst wenn man ihn daran erinnert, was er noch an der Uhr repariert hat, lacht er nur und weigert sich, mehr anzunehmen. „Komm nächstes Mal wieder zu mir“ sagt er dann. Und ein bisschen freue ich mich schon darauf. Bei Ali im Laden ist alles sehr eng und voll und chaotisch. Aber gleichzeitig ist die Welt bei ihm im Laden auch einfach sehr in Ordnung. Nie im Leben würde es mir mehr einfallen, meine Uhren zu einem anderen Uhrmacher zu bringen oder die Batterien im Kaufhaus wechseln zu lassen. Vielleicht kaufe ich mir demnächst noch ein oder zwei neue Uhren, damit ich häufiger zu ihm gehen kann.

Ich mag gar nicht darüber nachdenken, dass Ali seinen Laden mal irgendwann schließen wird. Er wird mir dann sehr fehlen. Schade, dass er zwar tausend Uhren hat, aber die Zeit nicht anhalten kann.

Veganer Quark mit Sauce.

Wenn ich mich den ganzen Tag über das Weltgeschehen aufregen würde, käme ich zu nichts anderem. Stoff genug wird einem ja im Grunde dazu geliefert, da muss man nur ne Weile den Fernseher anlassen oder mal gelegentlich bei Twitter reinschauen. Irgendeiner macht immer was beklopptes und im Regelfall berichtet irgendein Medium auch darüber. Aber ich rege mich nicht mehr über alles auf, bei vielen Dinge versuche ich sogar gezielt möglichst wenig Gedanken dazu zu verschwenden, weil ich sonst nur schreiend im Kreis laufen würde.

Manche Dinge führen aber dann doch dazu, dass ich mir mehr Gedanken mache, so heute zum Beispiel:

„Milch“, „Käse“, „Butter“, „Sahne“ oder „Joghurt“: Bezeichnungen, die Produkten vorbehalten sind, die aus der „normalen Eutersekretion“ von Tieren gewonnen oder aus dieser weiterverarbeitet werden.

(EuGH, 14.06.2017)

Hach ja. Der Verbraucher, der offensichtlich ein bisschen zu doof zum lesen ist, soll also geschützt werden. Sowas knippst ja direkt mein Gehirn an. Ein bisschen freue ich mich immer über solche Sachen, denn mal ehrlich: solange wir solche Probleme haben, geht es uns allen ja doch ziemlich gut. Ein Teil von mir lacht also glücklich, der andere möchte dann aber direkt wieder schreiend im Kreis laufen. Stattdessen versuchte ich dann aber doch ein bisschen meine Gedanken dazu zu sortieren und stieß außerdem noch bei Twitter eine kleine Diskussion an. „Was ist mit Leberkäse? Was mit Teewurst? Und Bienenstich?“ Fleißige Followerbienen halfen direkt weiter, auch Baumkuchen, Erdnussbutter, tote Oma, kalter Hund, Kinderschokolade und kalte Muschi täuschen den Verbraucher arglistig und beinhalten gar nicht die versprochenen Zutaten. Von alkoholfreiem Bier möchte ich gar nicht erst anfangen. Wann nennen wir das Zeug endlich Hopfenschorle? Was ist mit koffeinfreier Cola?

Ganz ehrlich, ein bisschen inkonsequent ist das Urteil schon. Aus Milchprodukten wird also eine Art Heiliger Gral gemacht, auf keinen Fall darf man Mandelmilch sagen, aber Kokosmilch geht schon, weil isso. War ja schon immer so. Kennt der Verbraucher jetzt schon, da macht man mal ne Ausnahme, obwohl Kokosnüsse keine Euter haben. Jetzt ist es so, dass ich gelegentlich Mandel- oder Hafermilch kaufe und nun haltet euch fest: auf den Sorten, die ich bisher gekauft habe, stand auch nie Milch drauf, sondern halt immer zB Mandeldrink. Das erinnert mich dann schon an das ebenfalls heiß diskutierte Burkaverbot, wo ja quasi niemand eine Burka trägt. Aber ich schweife ab.

Milchprodukte sind nun also irgendwie geschützt, andere Produkte nicht. Es gibt weiterhin Gemüsefrikadellen (mit und ohne Fleisch), veganes Gyros, vegetarischen Fleischsalat und so weiter. Ich schätze, es dauert nicht mehr lange, bis auch da nachgezogen wird, damit die Verbraucher nicht in so böse Fallen tappen. Und dann möchte ich aber auch, dass solche Dinge gnadenlos verfolgt und ausgemerzt werden. Weg mit Sonnenmilch und Babyöl! Da kann ja wer weiß was passieren.

Ein weiterer Gedanke: ich geh am Freitag (morgen ist ja Feiertag in NRW) direkt mal in alle Supermärkte, die so auf meinem Weg liegen und kaufe die ganze Palette an veganem Frischkäse und so auf. DAS WIRD MAL TOTAL WERTVOLL SEIN! Kinder, Omma erzählt jetzt mal von damals, als wir noch Hefeflocken auffe unsere Low Carb Leinsamen-Pizza streuen durften und es niemanden interessierte, ob wir das Käse oder Kväse oder Pappstreusel nannten. Das waren noch Zeiten! Geh mal anne Vitrine und hol das Päckchen Tofubutter her, da könnt ihr euch die alle mal angucken.

Tofubutter habe ich übrigens auch noch nie im Regal im Supermarkt gesehen. Und veganen Käse? Schon. Und ich kaufe manchmal sogar veganen Frischkäse, aber nicht aus tierfreundlichen Gründen, sondern weil der laktosefrei ist und ich den einfach besser vertrage. Anderen Käse ersetze ich persönlich nicht, aber es ist mir so was von so egal, wenn andere das machen. Es tut mir nicht weh, dass sich andere Menschen vegan ernähren und es tut mir nicht weh, dass es vegane Ersatzprodukte gibt. Es tut mir ein bisschen weh, dass ich tatsächlich manchmal mit Leuten darüber diskutieren muss, warum es das gibt.

Noch drei kurze Gedanken zum Abschluss:

1. Veganer Joghurt darf nicht mehr Joghurt heißen, weil er keinen Joghurt enthält. Erdbeerjoghurt darf aber weiterhin Erdbeerjoghurt heißen, obwohl er keine Erdbeeren enthält. Wo wird der Verbraucher gleich noch mal getäuscht?

2. Haare waschen morgen mit meinem Haar Milk Shampoo. Da muss ich mich aber konzentrieren.

3. Wir brauchen einen neuen Begriff für Käsefüße.