I hope, I think, I know

Mein Internet. Mein Dorfplatz.

Das Internet ist ne fiese Bitch und gleichzeitig meine beste Freundin. Nichts nervt mich mehr und ist gleichzeitig so toll und irgendwie auch überlebensnotwendig. Ernsthaft. Im Grunde ist das Internet ein Ort voller Hass, Hetze, Gewalt und ekelhafter Selbstinszenierung. Das Internet ist aber auch ein Ort voller Pinguinvideos (oder Eselbabys!!!), wunderbaren Inspirationen, der Möglichkeit die wunderbarsten Menschen kennen zu lernen und bringt mich auf schnellstem Weg zu meinem Ziel oder schlägt mir Urlaubsorte vor.

Machen wir es kurz: die Internet ist wie die ganze Welt. Im großen und ganzen ist die scheiße. Kriege, Umweltkatastrophen, Korruption, Waffen, größenwahnsinnige Männer, die es geschafft haben, Landesoberhaupt zu werden. Hass. Hass. Hass. Und schlechtes Wetter. Aber deine eigene Welt, die kann trotzdem wunderbar sein. Die besteht aus wunderbaren Freunden, guten Gesprächen, Reisen, der großen Liebe, einem Job, der dich erfüllt. Im besten Fall aus allem davon.

Das komplette Internet wird niemand genau kennen und dabei meine ich noch nicht einmal unbedingt das Darknet. Jeder nutzt nur einen kleinen Bereich, den man sich irgendwie selbst gestaltet. Mir wird in letzter Zeit häufiger klar, dass ich mich in meinem realen Leben und meinem eigenen Internetdorf ziemlich gut und harmonisch eingerichtet habe. Filterbubble und so. Klappt halt nur nicht immer so gut. Gelegentlich kommen Leute einfach rein spaziert und werfen ihren (gedanklichen) Müll in deine Welt. Egal ob real oder virtuel. Das passiert bei der Arbeit mit nervigen Anrufern, während der Rush Hour in der vollen U-Bahn oder mit Trollen bei Facebook. Fast noch schlimmer aber ist es, wenn man selbst die Tür öffnet und die ganzen Nervenbratzen reinlässt. Das passiert mir in der wirklichen Welt eher nie, in der virtuellen Welt schon. Sogar obwohl ich weiß, dass ich davon genervt sein werde. Vor allem Instagram bietet sich dafür außerordentlich gut an. Nur eben schnell mal nachschauen, bei den ganzen superdurchgestylten Accounts und dann schreiend im Kreis laufen. Bei jedem einzelnen „Do More Of What Makes You Happy“ geht mir das so. Oder wenn mir im Grunde fremde Leute erklären wollen, wie mein Leben schöner und viel toller wird. Trotzdem klicke ich wieder drauf, wie eine Fliege, die immer wieder vors Fenster fliegt. Und ich kann es nicht erklären. Es ist ein bisschen, wie wenn man sich selbst den Schorf einer verheilenden Wunde abknibbelt. Man weiß, dass es dumm ist und weh tun wird. Aber irgendwas bringt einen trotzdem dazu. Da läuft was falsch im Hirn.

Manchmal muss man seine Filterblase ein bisschen verlassen. Über den eigenen Tellerrand. Nachrichten gucken, mit Leuten über Politik sprechen, in den überfüllten Regionalexpress steigen. Ich kann nicht immer die Augen davor verschließen, was außerhalb meiner eigenen kleinen Welt passiert. Ich muss halt nur daran denken, nicht immer und immer wieder mit dem Kopf vor die Scheibe zu fliegen. Irgendwann schaff ich das. Ich schau nur noch mal eben bei Instagram, wie andere Leute mein Leben organisieren wollen. Morgen dann aber. Bestimmt.

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Der Herr der Zeit 

Von der Dortmunder Innenstadt ostwärts führt der Hellweg entlang. Dort reihen sich Stadtteile wie an einer Perlenschnur entlang. Körne, Wambel, Brackel, Asseln, Wickede. In der Reihenfolge vom Zentrum entfernt. Jeder Stadtteil hat ein eigenes „Zentrum“ und das ist immer am Hellweg. Dort fährt die Straßenbahn entlang und dort sind die Geschäfte. Ich wohne in Körne, also noch recht nah an der Innenstadt. Die Wohnung ist nicht direkt am Hellweg, sondern in einer ruhigeren Seitenstraße, aber ich bin häufig dort, weil ich viel mit der Straßenbahn unterwegs bin und dann dort ein- bzw. aussteige. In Körne gibt es Supermärkte – deutsch, türkisch, polnisch – eine Drogerie, verschiedene Restaurants und Imbisse, Blumenläden, zwei Eisdielen, ein Hörgeräteakustiker, Friseure, einen Änderungsschneider, einen Schlüsseldienst, mehrere Apotheken, einen Bäcker und einiges mehr. Ich mag das sehr. Manche Geschäfte interessieren mich weniger, aber grundsätzlich finde ich es sehr schön, so ein gemischtes und großes Angebot vor der Haustür zu haben. Am allerallerliebsten aber gehe ich zu Ali. Ali ist Uhrmacher und hat einen winzigen Laden, der über und über mit Uhren vollgestopft ist. Während er deine Uhr repariert oder die Batterie wechselt, darf man neben ihm sitzen und ihm zusehen. Als ich das erste Mal bei ihm war, hat er während er mein Armband repariert hat, geraucht und ein Bier getrunken. In seinem Laden dudelt immer ein Radio und es ticken tausend Uhren.

Ali ist geschätzt Ende 50 und ist Kurde.  Er hat mir erzählt, dass er aus Kurdistan kommt, aber mittlerweile schon so lange in Deutschland lebt, dass er wie ein richtiger Deutscher ist. Ali spricht leider nicht wirklich gut deutsch, aber es reicht, um sich zu unterhalten. Und es reicht auch, um meine eine Uhr zu loben und über meine andere Uhr zu schimpfen. An der Uhr ist alles billig, aber ich mag sie einfach trotzdem sehr. Und er sagt, dass es keine gute Uhr ist, aber er verstehen kann, warum sie mir gefällt.

Alis Nachbarin ist Friseurin, ihr Salon neben seinem Laden. Ihre Uhr repariert er umsonst, dafür schneidet sie ihm die Haare. Ich selbst habe bei Ali noch nie soviel bezahlt wie er anfangs behauptet. Irgendwie „verliert“ er unterwegs immer ein paar Euro und selbst wenn man ihn daran erinnert, was er noch an der Uhr repariert hat, lacht er nur und weigert sich, mehr anzunehmen. „Komm nächstes Mal wieder zu mir“ sagt er dann. Und ein bisschen freue ich mich schon darauf. Bei Ali im Laden ist alles sehr eng und voll und chaotisch. Aber gleichzeitig ist die Welt bei ihm im Laden auch einfach sehr in Ordnung. Nie im Leben würde es mir mehr einfallen, meine Uhren zu einem anderen Uhrmacher zu bringen oder die Batterien im Kaufhaus wechseln zu lassen. Vielleicht kaufe ich mir demnächst noch ein oder zwei neue Uhren, damit ich häufiger zu ihm gehen kann.

Ich mag gar nicht darüber nachdenken, dass Ali seinen Laden mal irgendwann schließen wird. Er wird mir dann sehr fehlen. Schade, dass er zwar tausend Uhren hat, aber die Zeit nicht anhalten kann.

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Veganer Quark mit Sauce.

Wenn ich mich den ganzen Tag über das Weltgeschehen aufregen würde, käme ich zu nichts anderem. Stoff genug wird einem ja im Grunde dazu geliefert, da muss man nur ne Weile den Fernseher anlassen oder mal gelegentlich bei Twitter reinschauen. Irgendeiner macht immer was beklopptes und im Regelfall berichtet irgendein Medium auch darüber. Aber ich rege mich nicht mehr über alles auf, bei vielen Dinge versuche ich sogar gezielt möglichst wenig Gedanken dazu zu verschwenden, weil ich sonst nur schreiend im Kreis laufen würde.

Manche Dinge führen aber dann doch dazu, dass ich mir mehr Gedanken mache, so heute zum Beispiel:

„Milch“, „Käse“, „Butter“, „Sahne“ oder „Joghurt“: Bezeichnungen, die Produkten vorbehalten sind, die aus der „normalen Eutersekretion“ von Tieren gewonnen oder aus dieser weiterverarbeitet werden.

(EuGH, 14.06.2017)

Hach ja. Der Verbraucher, der offensichtlich ein bisschen zu doof zum lesen ist, soll also geschützt werden. Sowas knippst ja direkt mein Gehirn an. Ein bisschen freue ich mich immer über solche Sachen, denn mal ehrlich: solange wir solche Probleme haben, geht es uns allen ja doch ziemlich gut. Ein Teil von mir lacht also glücklich, der andere möchte dann aber direkt wieder schreiend im Kreis laufen. Stattdessen versuchte ich dann aber doch ein bisschen meine Gedanken dazu zu sortieren und stieß außerdem noch bei Twitter eine kleine Diskussion an. „Was ist mit Leberkäse? Was mit Teewurst? Und Bienenstich?“ Fleißige Followerbienen halfen direkt weiter, auch Baumkuchen, Erdnussbutter, tote Oma, kalter Hund, Kinderschokolade und kalte Muschi täuschen den Verbraucher arglistig und beinhalten gar nicht die versprochenen Zutaten. Von alkoholfreiem Bier möchte ich gar nicht erst anfangen. Wann nennen wir das Zeug endlich Hopfenschorle? Was ist mit koffeinfreier Cola?

Ganz ehrlich, ein bisschen inkonsequent ist das Urteil schon. Aus Milchprodukten wird also eine Art Heiliger Gral gemacht, auf keinen Fall darf man Mandelmilch sagen, aber Kokosmilch geht schon, weil isso. War ja schon immer so. Kennt der Verbraucher jetzt schon, da macht man mal ne Ausnahme, obwohl Kokosnüsse keine Euter haben. Jetzt ist es so, dass ich gelegentlich Mandel- oder Hafermilch kaufe und nun haltet euch fest: auf den Sorten, die ich bisher gekauft habe, stand auch nie Milch drauf, sondern halt immer zB Mandeldrink. Das erinnert mich dann schon an das ebenfalls heiß diskutierte Burkaverbot, wo ja quasi niemand eine Burka trägt. Aber ich schweife ab.

Milchprodukte sind nun also irgendwie geschützt, andere Produkte nicht. Es gibt weiterhin Gemüsefrikadellen (mit und ohne Fleisch), veganes Gyros, vegetarischen Fleischsalat und so weiter. Ich schätze, es dauert nicht mehr lange, bis auch da nachgezogen wird, damit die Verbraucher nicht in so böse Fallen tappen. Und dann möchte ich aber auch, dass solche Dinge gnadenlos verfolgt und ausgemerzt werden. Weg mit Sonnenmilch und Babyöl! Da kann ja wer weiß was passieren.

Ein weiterer Gedanke: ich geh am Freitag (morgen ist ja Feiertag in NRW) direkt mal in alle Supermärkte, die so auf meinem Weg liegen und kaufe die ganze Palette an veganem Frischkäse und so auf. DAS WIRD MAL TOTAL WERTVOLL SEIN! Kinder, Omma erzählt jetzt mal von damals, als wir noch Hefeflocken auffe unsere Low Carb Leinsamen-Pizza streuen durften und es niemanden interessierte, ob wir das Käse oder Kväse oder Pappstreusel nannten. Das waren noch Zeiten! Geh mal anne Vitrine und hol das Päckchen Tofubutter her, da könnt ihr euch die alle mal angucken.

Tofubutter habe ich übrigens auch noch nie im Regal im Supermarkt gesehen. Und veganen Käse? Schon. Und ich kaufe manchmal sogar veganen Frischkäse, aber nicht aus tierfreundlichen Gründen, sondern weil der laktosefrei ist und ich den einfach besser vertrage. Anderen Käse ersetze ich persönlich nicht, aber es ist mir so was von so egal, wenn andere das machen. Es tut mir nicht weh, dass sich andere Menschen vegan ernähren und es tut mir nicht weh, dass es vegane Ersatzprodukte gibt. Es tut mir ein bisschen weh, dass ich tatsächlich manchmal mit Leuten darüber diskutieren muss, warum es das gibt.

Noch drei kurze Gedanken zum Abschluss:

1. Veganer Joghurt darf nicht mehr Joghurt heißen, weil er keinen Joghurt enthält. Erdbeerjoghurt darf aber weiterhin Erdbeerjoghurt heißen, obwohl er keine Erdbeeren enthält. Wo wird der Verbraucher gleich noch mal getäuscht?

2. Haare waschen morgen mit meinem Haar Milk Shampoo. Da muss ich mich aber konzentrieren.

3. Wir brauchen einen neuen Begriff für Käsefüße.

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Die Antiquitäten der Zukunft

Neulich bin ich mit dem Auto von der Arbeit nach Hause gefahren, das kommt gelegentlich vor. Ich stand an einer Kreuzung, leider länger als nur eine Ampelphase, das kommt auch vor, zumindest zur Feierabendzeit. An der Kreuzung ist ein Antiquariat und ich fing an, darüber nachzudenken. Wird es wohl in hundert oder hundertfünfzig Jahren noch Antiquariate geben? Und wenn ja, was kann man da kaufen?

Ich habe da ein sehr klares Bild vor Augen, ganz sicher wird es eine wunderbare Auswahl sein: Weckgläser-Vasen, Milchaufschäumer, Regale aus Weinkisten, Sukkulenten, irgendwas aus Kupfer oder Beton, Billyregale und überhaupt sehr viele skandinavische Möbel, diese Lightboxes mit Buchstaben, Schieferplatten, Glühbirnen, Limonaden-Gläser mit Deckel, Buddhaköpfe, Eames DSW-Stühle, Pandora-Armbänder, digitale Bilderrahmen, Webergrills, schwarz-weiße Läufer mit geometrischen Mustern, Playstations, iPhones, mit LED-Leisten beleuchtete Möbel, Bilder mit „do more of what makes you happy“-Aufdruck, „made with love“-Stempel, Home-Schriftzüge aus Holz…

Kurzer Einschub: woher kommt dieser Zwang, alles zu beschriften? Poster mit mehr oder weniger sinnvollen und/oder lustigen Sprüchen, beschriftete Kaffeetassen („coffee“), beschriftete Seifenspender („soap“), beschriftete Kissen („Home“ oder „relax“). Nichts bleibt erspart, alles wird bedruckt. Vielleicht sind manche Leute aber auch mittlerweile so dumm, dass sie eine Beschriftung der Dinge brauchen.

Ob unsere Urgroßeltern mal darüber nachgedacht haben, dass ihre Möbel irgendwann als „vintage“ und aufpoliert wieder an Liebhaber verkauft werden? Gab es damals auch schon Antiquariate und wenn ja: was hat man da gefunden? Wann wurde das erste Antiquariat eröffnet?

Jede Ampelphase hat ein Ende, sogar im Feierabendverkehr. Aber wenn ich jetzt durch Geschäfte laufe, dann stell ich mir vor, wie in 100 Jahren jemand nach Harry Potter-DVDs oder Coffee To Go-Bechern sucht und sich möglicherweise mal wie Bolle freut, wenn er mein Apfelkissen in einem Vintageshop findet. Das gefällt mir.

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