I hope, I think, I know

Veganer Quark mit Sauce.

Wenn ich mich den ganzen Tag über das Weltgeschehen aufregen würde, käme ich zu nichts anderem. Stoff genug wird einem ja im Grunde dazu geliefert, da muss man nur ne Weile den Fernseher anlassen oder mal gelegentlich bei Twitter reinschauen. Irgendeiner macht immer was beklopptes und im Regelfall berichtet irgendein Medium auch darüber. Aber ich rege mich nicht mehr über alles auf, bei vielen Dinge versuche ich sogar gezielt möglichst wenig Gedanken dazu zu verschwenden, weil ich sonst nur schreiend im Kreis laufen würde.

Manche Dinge führen aber dann doch dazu, dass ich mir mehr Gedanken mache, so heute zum Beispiel:

„Milch“, „Käse“, „Butter“, „Sahne“ oder „Joghurt“: Bezeichnungen, die Produkten vorbehalten sind, die aus der „normalen Eutersekretion“ von Tieren gewonnen oder aus dieser weiterverarbeitet werden.

(EuGH, 14.06.2017)

Hach ja. Der Verbraucher, der offensichtlich ein bisschen zu doof zum lesen ist, soll also geschützt werden. Sowas knippst ja direkt mein Gehirn an. Ein bisschen freue ich mich immer über solche Sachen, denn mal ehrlich: solange wir solche Probleme haben, geht es uns allen ja doch ziemlich gut. Ein Teil von mir lacht also glücklich, der andere möchte dann aber direkt wieder schreiend im Kreis laufen. Stattdessen versuchte ich dann aber doch ein bisschen meine Gedanken dazu zu sortieren und stieß außerdem noch bei Twitter eine kleine Diskussion an. „Was ist mit Leberkäse? Was mit Teewurst? Und Bienenstich?“ Fleißige Followerbienen halfen direkt weiter, auch Baumkuchen, Erdnussbutter, tote Oma, kalter Hund, Kinderschokolade und kalte Muschi täuschen den Verbraucher arglistig und beinhalten gar nicht die versprochenen Zutaten. Von alkoholfreiem Bier möchte ich gar nicht erst anfangen. Wann nennen wir das Zeug endlich Hopfenschorle? Was ist mit koffeinfreier Cola?

Ganz ehrlich, ein bisschen inkonsequent ist das Urteil schon. Aus Milchprodukten wird also eine Art Heiliger Gral gemacht, auf keinen Fall darf man Mandelmilch sagen, aber Kokosmilch geht schon, weil isso. War ja schon immer so. Kennt der Verbraucher jetzt schon, da macht man mal ne Ausnahme, obwohl Kokosnüsse keine Euter haben. Jetzt ist es so, dass ich gelegentlich Mandel- oder Hafermilch kaufe und nun haltet euch fest: auf den Sorten, die ich bisher gekauft habe, stand auch nie Milch drauf, sondern halt immer zB Mandeldrink. Das erinnert mich dann schon an das ebenfalls heiß diskutierte Burkaverbot, wo ja quasi niemand eine Burka trägt. Aber ich schweife ab.

Milchprodukte sind nun also irgendwie geschützt, andere Produkte nicht. Es gibt weiterhin Gemüsefrikadellen (mit und ohne Fleisch), veganes Gyros, vegetarischen Fleischsalat und so weiter. Ich schätze, es dauert nicht mehr lange, bis auch da nachgezogen wird, damit die Verbraucher nicht in so böse Fallen tappen. Und dann möchte ich aber auch, dass solche Dinge gnadenlos verfolgt und ausgemerzt werden. Weg mit Sonnenmilch und Babyöl! Da kann ja wer weiß was passieren.

Ein weiterer Gedanke: ich geh am Freitag (morgen ist ja Feiertag in NRW) direkt mal in alle Supermärkte, die so auf meinem Weg liegen und kaufe die ganze Palette an veganem Frischkäse und so auf. DAS WIRD MAL TOTAL WERTVOLL SEIN! Kinder, Omma erzählt jetzt mal von damals, als wir noch Hefeflocken auffe unsere Low Carb Leinsamen-Pizza streuen durften und es niemanden interessierte, ob wir das Käse oder Kväse oder Pappstreusel nannten. Das waren noch Zeiten! Geh mal anne Vitrine und hol das Päckchen Tofubutter her, da könnt ihr euch die alle mal angucken.

Tofubutter habe ich übrigens auch noch nie im Regal im Supermarkt gesehen. Und veganen Käse? Schon. Und ich kaufe manchmal sogar veganen Frischkäse, aber nicht aus tierfreundlichen Gründen, sondern weil der laktosefrei ist und ich den einfach besser vertrage. Anderen Käse ersetze ich persönlich nicht, aber es ist mir so was von so egal, wenn andere das machen. Es tut mir nicht weh, dass sich andere Menschen vegan ernähren und es tut mir nicht weh, dass es vegane Ersatzprodukte gibt. Es tut mir ein bisschen weh, dass ich tatsächlich manchmal mit Leuten darüber diskutieren muss, warum es das gibt.

Noch drei kurze Gedanken zum Abschluss:

1. Veganer Joghurt darf nicht mehr Joghurt heißen, weil er keinen Joghurt enthält. Erdbeerjoghurt darf aber weiterhin Erdbeerjoghurt heißen, obwohl er keine Erdbeeren enthält. Wo wird der Verbraucher gleich noch mal getäuscht?

2. Haare waschen morgen mit meinem Haar Milk Shampoo. Da muss ich mich aber konzentrieren.

3. Wir brauchen einen neuen Begriff für Käsefüße.

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Die Antiquitäten der Zukunft

Neulich bin ich mit dem Auto von der Arbeit nach Hause gefahren, das kommt gelegentlich vor. Ich stand an einer Kreuzung, leider länger als nur eine Ampelphase, das kommt auch vor, zumindest zur Feierabendzeit. An der Kreuzung ist ein Antiquariat und ich fing an, darüber nachzudenken. Wird es wohl in hundert oder hundertfünfzig Jahren noch Antiquariate geben? Und wenn ja, was kann man da kaufen?

Ich habe da ein sehr klares Bild vor Augen, ganz sicher wird es eine wunderbare Auswahl sein: Weckgläser-Vasen, Milchaufschäumer, Regale aus Weinkisten, Sukkulenten, irgendwas aus Kupfer oder Beton, Billyregale und überhaupt sehr viele skandinavische Möbel, diese Lightboxes mit Buchstaben, Schieferplatten, Glühbirnen, Limonaden-Gläser mit Deckel, Buddhaköpfe, Eames DSW-Stühle, Pandora-Armbänder, digitale Bilderrahmen, Webergrills, schwarz-weiße Läufer mit geometrischen Mustern, Playstations, iPhones, mit LED-Leisten beleuchtete Möbel, Bilder mit „do more of what makes you happy“-Aufdruck, „made with love“-Stempel, Home-Schriftzüge aus Holz…

Kurzer Einschub: woher kommt dieser Zwang, alles zu beschriften? Poster mit mehr oder weniger sinnvollen und/oder lustigen Sprüchen, beschriftete Kaffeetassen („coffee“), beschriftete Seifenspender („soap“), beschriftete Kissen („Home“ oder „relax“). Nichts bleibt erspart, alles wird bedruckt. Vielleicht sind manche Leute aber auch mittlerweile so dumm, dass sie eine Beschriftung der Dinge brauchen.

Ob unsere Urgroßeltern mal darüber nachgedacht haben, dass ihre Möbel irgendwann als „vintage“ und aufpoliert wieder an Liebhaber verkauft werden? Gab es damals auch schon Antiquariate und wenn ja: was hat man da gefunden? Wann wurde das erste Antiquariat eröffnet?

Jede Ampelphase hat ein Ende, sogar im Feierabendverkehr. Aber wenn ich jetzt durch Geschäfte laufe, dann stell ich mir vor, wie in 100 Jahren jemand nach Harry Potter-DVDs oder Coffee To Go-Bechern sucht und sich möglicherweise mal wie Bolle freut, wenn er mein Apfelkissen in einem Vintageshop findet. Das gefällt mir.

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opium fürs volk

2017 läuft, der Januar verging ähnlich schnell wie das vergangene Jahr. Sprich: zack, vorbei. So richtig super läuft es nicht. Die Nachrichten verfolgen ist ja selten amüsant, aber aktuell macht es noch weniger Spaß als sonst.

Trotzdem, bisher ärgert mich einiges, bei anderen Dingen bin ich (verhalten) optimistisch, eine Menge perlt an mir ab. Es braucht einiges, um mich aus der Fassung zu bringen. Tatsächlich war ich selbst etwas überrascht, als mich dann ein kurzer Radiobeitrag am Morgen fast zum eskalieren brachte. Nichts über den amerikanischen Präsidenten, nichts über deutsche Populismus-Parteien, nichts über humanitäre Katastrophen. Tatsächlich war es ein vergleichbar harmloser Beitrag darüber, dass die katholische Kirche es geschiedenen und dann aber wieder verheirateten Mitgliedern nun erlauben möchte, wieder an der Kommunion (das Pendant zum evangelischen Abendmahl) teilzunehmen, wenn – man höre und staune – man zuvor mit einem Seelsorger spricht.

A. L. T. E. R.

Dazu muss man wissen: wer sich als katholischer Mensch scheiden lässt, der darf zwar weiterhin am Gottesdienst teilnehmen, die Hostie, also die heilige Kommunion und damit der wichtigste heiße Schice der katholischen Kirche, bekommt er/sie offiziell aber nicht mehr ausgehändigt.

Davon abgesehen, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass tatsächlich ein Pfarrer im Zweifel zunächst irgendwelche Gerichtsbeschlüsse durchblättert und sogar eins seiner Schäfchen in den immer leerer werdenen Kirchen bei der Verteilung der Hostien wegschickt. Also davon mal abgesehen, ist das meiner Meinung nach einfach nur eine Frechheit und ich bin zum wiederholten Male froh, dass ich vor einigen Jahren aus der Kirche ausgetreten bin. Schon die Tatsache, dass man als geschiedene Person in der katholischen Kirche so zweitklassig behandelt wird. Anstatt zu sagen „da ist eine Person, der es möglicherweise schlecht geht, die Hilfe braucht, die eine wirklich schwierige Zeit hinter sich hat…wie schön, dass sie dennoch in den Gottesdienst kommt, jetzt zeigen wir mal, wie gut sie bei uns aufgehoben ist“ ist die katholische Kirche da ja eher so der Typ „BÄH, du  Hexe, komm uns lieber nicht zu nah!“ Kundenbindung sieht in meinen Augen anders aus, aber da scheiden sich ja die Geister.

Wie großzügig, ein erneut verheiratetes Gemeindemitglied dann doch wieder in die goldene Mitte aufzunehmen. Nach einem Gespräch mit einem Seelsorger. Mit einem SEELSORGER! Ich komme auch bei längerem Nachdenken nicht darauf, warum das Gespräch mit einem Seelsorger stattfinden soll, haben die nicht genug anderes zu tun, zum Beispiel Gespräche mit frisch geschiedenen Menschen führen, die sich gerne ihren Kummer und ihr Leid von der Seele reden möchten, weil sie a) frisch geschieden sind und dann noch b) von der Kirche wie Aussätzige bzw. Menschen zweiter Klasse behandelt werden? Ich denke darüber nach, wie ein Gespräch zwischen Seelsorger und erneut verheiratetem Katholik ablaufen mag und irgendwie führt es in meinem Kopf immer zu einem eher absurden Ende. Wenn man sich dann noch Gedanken darüber macht, dass ein paar alte, angeblich abstinent lebende, Säcke diese Dinge bestimmen und sich jetzt vermutlich selbstgefällig das Bäuchlein streicheln, weil sie diesen ach so liberalen Erlass durchgerungen haben, dann kommt mir die Kotze hoch. Tatsächlich bin ich fest davon überzeugt: Jesus würde sich im Grabe umdrehen. Wäre er nicht wieder auferstanden. Denn der wirkte rückblickend jedenfalls ein bisschen lässiger als die hohen Würdenträger der heutigen katholischen Kirche.

2017 ist also das Jahr, in dem ich schon an einigen Tagen ob der globalen – und auch nationalen – Lage gezweifelt habe, ich auch einige Male wütend über Sexismus und anderen Spökes war, aber nur die katholische Kirche schaffte es bisher, mich so richtigrichtig aus der Fassung zu bringen. Bitte jeder nur ein Kreuz. Jehova! Jehova! Danke. Bitte. Amen.

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Pottspot: Bittermärker Wald

Neujahr, unverkatert, Sonnenschein. Eine gute Gelegenheit für einen etwas ausgedehnteren Spaziergang. Für lange Fahrten hatten wir zu lange geschlafen und es wird dann ja im Januar auch immer noch recht früh dunkel, aber in Dortmund gibt es ja ausreichend schöne Ecken zum spazieren gehen. Auch noch welche, die wir noch nicht kennen.

Die Bittermark ist ein Stadtteil im Dortmunder Süden, der gefühlt nur aus dem Waldstück besteht. Früher war es zudem noch Zechenstandort, was dazu geführt hat, dass dort auch noch ein bisschen unkontrolliert und schwarz nach Kohle gegraben wurde, was dann widerum dazu geführt hat, dass man im Wald der  Bittermark an jeder Ecke darauf hingewiesen wird, dass es lebensgefährlich ist, die offiziellen Wege zu verlassen. Das soll man ja im Wald eh nicht, aber bei der Vorstellung, auf einer Art Schweizer Käse zu laufen, möchte ich das auch direkt noch weniger.

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Natürlich ist man mit so einer Idee an einem solchen Tag nicht alleine, daher begegneten uns eine Menge weiterer Spaziergänger, mit und ohne Hunden, Jogger, Mountainbiker und sogar ein paar Reiter auf ihren Pferden. Trotzdem hatte ich nie das Gefühl, dass der Wald irgendwie „überlaufen“ ist und ich lieber woanders wäre.

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Als Kind bin ich am Waldrand aufgewachsen und niemals nie hätte ich es damals für möglich gehalten, dass ich mal freiwillig an Neujahr durch den Wald laufe. Obwohl ich mich auch nicht erinnern kann, dass ich zu klassischen Sonntagsspaziergängen gezwungen wurde. Aber der Wald war halt immer da, ich war da auch regelmäßig zu finden, er war selbstverständlich und nichts besonderes. Wenn ich heute – gerne! – in Wälder gehe, dann nehme ich ihn ganz anders wahr. Die Farben, die Schattenspiele der Sonne, die einzelnen Bäume, andere Pflanzen. Diese Luft, das Licht, der Geruch von Erde und Holz. DIESE RUHE! Es ist möglicherweise halt einfach doch das Alter. Ist mir auch egal. Ich mag den Wald.

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Im Wald der Bittermark steht ein Mahnmal, welches an die Ermordung von fast 300 Zwangsarbeitern und Widerständlern an dieser Stelle kurz vor Ende des 2. Weltkrieges erinnert. Es bietet sich sicherlich immer an, bei einem Spaziergang auch dort vorbeizugehen, bei der allerersten Runde durch diesen Wald sowieso.

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Ich werde hier nur selten politisch, aber in Zeiten wie diesen sollte jeder zu einem solchen Mahnmal gehen, mal einen Moment inne halten und darüber nachdenken, wie es soweit kommen konnte. Und ob man gewillt ist, dass sich die Vergangenheit wiederholen könnte. Vielleicht war Neujahr auch genau der passende Tag dafür. Und immerhin ist der Wald ein Gebiet, das immer auch ein bisschen Hoffnung verbreitet.

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Hoffnung, dass der Frühling bald kommt. Und Hoffnung auf ein friedliches und gutes Jahr 2017.

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