Rant des Monats: Deutscher Radiopop

Möglicherweise erwähnte ich es schon: mein Leben ist schöner, seit ich Zuhause ein internetfähiges Radio benutze und mir morgens die Zeit in Bad und Küche mit einem Sender vertreibe, die Musik spielt, die mir gefällt.

Viel schlimmer ist es, wenn ich mal das „normale“ Radio anschalte. In NRW geht es einem mit dem WDR wahrscheinlich noch vergleichsweise gut, aber im Grunde frage ich mich häufig, warum es überhaupt verschiedene Sender gibt, wenn doch auf allen ungefähr die gleiche Grütze läuft. Grob gesagt finde ich fast alles davon scheiße, aber speziell deutscher Radiopop lässt mein Gehirn schmelzen. Diese Melange aus Revolverheld, Andreas Bourani, Lea, Johannes Oerding, Silbermond, Mark Forster und Konsorten. Irgendwie klingt alles gleich. Alles gleich furchtbar. Belangloser Heul-Pop. Und die Texte! Dass die sich nicht die ganze Zeit schämen…Kleine Kostproben gefällig? Bitte sehr:

Ich würde meine Lieblingsplatten
Sofort für dich verbrennen
Und wenn es für dich wichtig ist
Bis nach Barcelona trampen

(Revolverheld)

Da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Platten für jemand anderen verbrennen? Warum nicht gleich Bücher? Und das mit Barcelona hinterlässt auch eher nur Fragezeichen in meinem Kopf.

Es gibt nichts, was mich hält, Au Revoir

Vergesst, wer ich war
Vergesst meinen Nam‘

(Mark Forster)

Hauptsache es reimt sich, scheiß auf Silben. Das meiste nuschelt man sich ja eh so weg.

Lieber Wolke vier mit dir als unten wieder ganz allein

(Philipp Dittberner & Marv)

Der traurigste Satz aller Zeiten.

Ich könnte jetzt hier noch sehr sehr viele Beispiele anbringen, das sprengt aber den Rahmen. Was ich aber noch hinzufügen möchte: ich habe für diesen Rant sehr viele Songtexte gelesen. Wirklich viele. Denn häufig verstehe ich akustisch gar nicht so richtig, was da im Radio gesungen wird. Bei Jupiter Jones „Stille“ verstehe ich zum Beispiel immer „Als Stille bei uns wohnte anstatt Bier“ und ich weiß, dass ich damit nicht alleine bin. Als Stille bei uns wohnte anstatt dir. Wer ist denn dieser Stille und warum ist er ausgezogen? Und hat er Bier dagelassen? Wie auch immer: ich habe mich durch Songtexte von Revolverbourani und Max Forster gequält, alles die gleiche Scheiße. Und wenn man das liest, dann fällt einem noch mehr auf, wie wenig Text die Lieder eigentlich haben. Strophe 1, Refrain, Strophe 2, Refrain, Refrain, Refrain. Fertig. Dazwischen möglichst viel langweilige Alltagsbanalitäten. Liebeskummer verkauft sich gut, das war schon immer so. Ist ja auch ok, schnell mal drei Zeilen zusammenschustern,  intelligente Wortspiele möglichst weg lassen, scheiß aufs Versmaß und natürlich kann man da auf wahr reimen, hört ja eh niemand hin. Am Ende weiß auch keiner mehr so richtig, von wem eigentlich noch mal welches Lied ist, weil alles gleich klingt. Ich kenne jedenfalls niemanden, der die ganzen Sänger ernsthaft auseinanderhalten kann.

Das alles mag ja irgendwie noch aushaltbar sein, wenn dann nicht auf jedem Radiosender exakt diese gleiche Brühe dieses vorhersehbar-langweiligen Blümchenpops liefe. Unterbrochen von Ed Sheeran. Es wirkt fast so, als würden Radio-DJs nur eine begrenzte Anzahl von Musik spielen dürfen. Was mich dann noch mehr ärgert, ist dass bei den Sendungen am Abend, wo dann vermeintlich „ausgefallenere“ Sachen angeboten werden, der gleiche Bums wie tagsüber läuft. Da fällt mir einfach nichts mehr zu ein. Radio hören langweilt mich. Lass ich es also sein. Aber dann singen Kettcar für mich.

…wenn du das Radio ausmachst, wird die Scheißmusik auch nicht besser.

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13 Gedanken zu “Rant des Monats: Deutscher Radiopop

  1. Ich könnte jetzt sagen ich hatte ja früher nichts anderes, denn Handy, Internet & Co. waren in meiner Jugendzeit noch nicht erfunden, aber ich war wirklich ein fleißiger Radiohörer und im Auto läuft heute noch fast immer das Radio. Aber ich muß dir zustimmen und habe das auch schon an WDR2 getwittert. Es kommt mir vor wie eine 60 Min. Kassette (die Älteren werden sich erinnern), die immer wieder gewendet wird. Mark Foster bis zum erbrechen und auch der Rest wiederholt sich in der Tat immer wieder. Heute wird die Musik durch Musikredaktionen zusammengestellt und minutengenau vorgegeben. Der Moderator / die Moderatorin hat da i.d.R. keine Wahl mehr. Es werden sogar die ersten Sekunden eines Musiktitels weggeschnitten, damit es direkt mit dem Gesang losgeht. Warum in den Musikredaktionen anscheinen nur noch 40 -50 Musiktitel vorliegen die dann immer und immer wieder durchgenudelt werden habe ich mich auch schon gefragt. Vielleicht spart es Geld (GEMA), wenn man nur eine bestimmte Anzahl immer und wieder rotieren läßt. Wir sollten das alle an unsere Sender mailen, uns beschweren oder nach den Gründen fragen.

    LG Michael

  2. Ich stimme dir zu 97% zu. Nur für Liedzeile „Lieber Wolke vier mit dir als unten wieder ganz allein“ finde ich ziemlich gut, weil da ja endlich mal ein realistische Betrachtung von liebe ist. Wolke sieben isz Hollywood Kitch der ersten Monate, dann kommt der Alltag mit den ganzen Hürden, das ist eben nur Wolke 4. Viele wollen aber Wolke 7 dauerhaft und hauen dann ab / verlieben sich permanent usw. Die enden dann aber allein. Lieber Wolke 4 als unten ganz allein. Mir fallen da spontan mehrere Leute ein auf die das zu trifft.
    Ansonsten fällt mir nur ein
    „Tanzen Menschen Leben Welt “ 😬

  3. Miss James schreibt:

    Kassetten sollen ja wieder Trend sein/werden, habe ich gehört 🙂
    Zum Radio: ich finde das so schade. Und ich finde es auch schade, dass die beiden „großen“ WDR-Sender Eins Live und WDR2 sich kaum noch unterscheiden. Es ist alles so langweilige Grütze, keiner traut sich mehr was.

  4. Das Abendessen wird bei uns inzwischen für ungültig erklärt, wenn während dessen nicht dieses schlimme Schmonzettenlied von den Toten Hosen lief, das WDR2 momentan relativ zuverlässig jeden Abend zwischen 18 Uhr und 18.30 Uhr spielt. Doch merke dir: alles passiert, wie es passieren muhuuuss!

  5. Die Toten Hosen finde ich Millionen Mal schlimmer als alle von dir oben erwähnten Sänger. Die hätten sich 1989 auflösen sollen.

  6. Miss James schreibt:

    Zumindest bevor sie „An Tagen wie diesen“ veröffentlicht haben. Das Lied ist der Untergang – und alles, was danach von denen kam ebenso.

  7. „An Tagen wie diesen“ ist allerdings in Düsseldorf ein wirklich gutes Zeichen zum Verlassen einer Party. So wie früher auf Festivals „Wir sind die Donots“ ein gutes Zeichen war, Bier zu holen.

    Ansonsten scheint es hier darum zu gehen, was mal jemand über Bon Jovi gesagt hat: Der Grund eines neuen Bon-Jovi-Songs ist nicht, dass sich jemand künstlerisch ausdrücken wollte. Mag sein, dass das bei Wolke 4 noch der Fall ist, aber eine große Metapher ist das wirklich nicht. Man kann sie versuchen, das Lied mit Interpretation zu retten, aber für sich selbst spricht sie eben nicht gut.

    Was ich nicht verstehe, ich dachte, früher gab es eine stille Übereinkunft, Kommerzschlager wegen der strunzdummen Texte abzulehnen. Heute hören aber Leute, die ich an meiner Seite wähnte, ohne Schmerzen „Ey, da müsste Musik sein“.

  8. Miss James schreibt:

    Im Grunde kann ja auch jeder hören, was er mag, aber mich nervt es so, dass ich im Radio immer die gleichen Lieder höre. Es gibt doch noch mehr Musik! Besonders fällt mir das auf, wenn ich längere Zeit mit einem Dienstwagen unterwegs bin und mich da durch die Radiosender klicke. Überall läuft der gleiche belanglose langweilige Kram

  9. Der Radiosender, der mich morgens aus dem Schlaf reißt, wirbt sogar mit ihrer Musikredaktion als Abgrenzung zu einer computergenerierten Playlist. Dumm nur, wenn die Redaktion halt dann nur aus 30 Songs was auswählen darf und ab und an mal noch das Beste aus den 80ern und 90ern versteckt.

  10. ja, ich stimme dem zu was deutschen Radiopop und die Texte angeht (an dieser Stelle noch mal Danke das Du mich auf Kettcar aufmerksam gemacht hast). Es gibt in D wirklich sehr wenige Radiosender die man noch hören kann. Aber auch die werden immer angepasster, so meine Erfahrung.
    Dank Internet und Streaming bleiben aber zum Glück noch zahlreiche Alternativen im Ausland. Auch wenn ich bei Sendern in Mexiko (die echt zahlreiche gute Rocksender am Start haben) aufgrund mangelnder Spanisch Kenntnisse nichts verstehe. Aber die Musikauswahl ist um Längen besser als das was hier einem geboten wird.

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