Rant des Monats: Hygge

(Prolog: einst lag ich bei meinem Osteopathen auf der Liege rum, er legte mir die Hand auf den Nacken, wir schwiegen angenehm und dann sagte er völlig unvermittelt, ich solle auch einfach mal rauslassen, wenn mich was nervt. Das würde mir gut tun. Und obwohl ich grundsätzlich lieber über schöne Dinge spreche, so hat er irgendwie Recht mit seinem Satz. Raus damit, ab sofort gibt es immer am 20. des Monats einen neuen Rant. Mal schauen, wie lange ich durchhalte.)

Früher, so vor zehn bis zwölf Jahren, da erlebte man natürlich auch schon chillige Sonntage. Möglicherweise auf dem Sofa rumhängend, Kuchen essen oder mit einer Tüte Chips eine Staffel der Lieblingsserie auf DVD schauen. Wir nannten das Gammeltag. Erinnert sich noch jemand an den #Gammeltag bei Twitter? Ich ja. Gerne.

Heute netflixen wir, essen Zimtschnecken, trinken #butfirstcoffee, essen GrünkohlKale-Chips und reden uns dabei ein, dass die schmecken (um ehrlich zu sein: alles wo ausreichend Salz drauf geknallt wird, schmeckt ja irgendwie). Die Chips kommen dabei natürlich in eine weiße Porzellanschüssel, auf keinen Fall Plastik. Und auf dem Tisch steht eine Apotheken-Flasche mit einem Zweig Eukalyptus. Und schon ist es nicht mehr der Gammeltag, heute machen wir es uns hyggelig! Das allerwichtigste ist dabei natürlich, dass wir das alles fotografisch festhalten, durchfiltern und bei Instagram hochladen. Dann aber besser die Chips gegen eine Buddhabowl austauschen. Auf jeden Fall irgendwas mit Avocado.

Mein Dilemma: hygge my ass. Irgendwie. Einerseits mag ich es ja auch gerne gemütlich und überraschenderweise mag ich es sogar aufgeräumt. Nur geht es mir auf die Nerven, weil die Gemütlichkeit halt einfach nicht mehr gemütlich wirkt, sondern eher wie ein Wetteifern: Ich hab aber noch mehr und viel weißere Möbel und außerdem noch Sukkulenten mit irgendsoeinem Kupfergelumpe drumherum. Ich bin und lebe superhyggelig! So! Jetzt sei doch mal endlich gemütlich! Verdorri! Das ist doch so wichtig, diese Pausen vom Alltag.

Zimtschnecken sind großartig. Ich sitze auch gerne auf meinem Sofa und trinke in Ruhe einen leckeren Kaffee. Ich mag Skandinavien. Ich liebe Dänemark und habe in meinem Leben schon die ein oder andere Woche dort verbracht. Neulich habe ich mal spaßeshalber hygge als „rumschlumpern mit weißen Möbeln“ bezeichnet, es bedeutet aber einfach so viel mehr als skandinavische Möbel plus Kaffeepause. Es ist eine Lebenseinstellung, die man nur schlecht aus Lifestyle-Magazinen für sich selbst abpausen kann. Ich weiß nicht, ob man das überhaupt noch irgendwie erlernen kann oder ob man nicht damit aufwachsen muss, eins kann ich jedenfalls aus Erfahrung behaupten: wenn man auf Teufel komm raus hyggelig sein will – dann ist man es nicht. Auch nicht mit Instagramfilter.

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6 Gedanken zu “Rant des Monats: Hygge

  1. Miss James schreibt:

    Ich hätte nicht gedacht, dass es schon so weit ausufert. Dass der immer leer ist, gehört bestimmt zum Konzept. Vollgestopft ist ja so ungemütlich.

  2. Natürlich kann ich mich an den #Gammeltag erinnern und habe mich schon oft gefragt warum den niemand mehr nutzt.
    Hygge habe ich auch schon oft gehör (Trend), bei vielen anderen Wörtern muss ich passen.
    Was ist butfirst coffed oder Kalechips!? Und alles was da noch so stand dachte ich nur, dass ich wohl zu alt(modisch) bin.
    Und meine weißen Möbel bin ich nach 10 Jahren jetzt etwas über. 🙈

  3. Vor zwei drei Wochen habe ich auch nach #Gammeltag gesucht und ganz viele Tweets von 2009 und früher gefunden. Wollte dazu noch was twittern. Schade dass ich wieder darüber hinweg kam.

    Jedenfalls hast du Recht. Der #Gammeltag war früher wie ein Gütesiegel, das leider etwas verloren gegangen ist.

    PS: Erinnerst du dich noch, als der #Gammeltag mal trendete?!

  4. Miss James schreibt:

    @ Airsign: #atfirstcoffee ist ein sehr beliebter Hashtag bei Instagram. Und Kale-Chips sind „Chips“ aus Grünkohlblättern. Superfood und so.

    @ womke: Selbstverständlich. Hach.

    Pro Gammeltag! Ich werde das demnächst wieder mehr einsetzen.

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