1997

Neulich erinnerte mich ein Artikel bei Facebook daran, dass im Jahr 1997 ein paar wirklich tolle Alben auf den Markt kamen. Urban Hymnes von The Verve zum Beispiel. Die Be Here Now von Oasis. Tellin Stories von The Charlatans. Großartige Dinger.

1997. Da war ich 15, trug Schlaghosen aus Cord, Doc Martens, trank das erste Mal Alkohol, wohnte in einer Kleinstadt – direkt neben Bielefeld und doch ohne Führerschein und Auto quasi unerreichbar – und fing an, mich ernsthaft in Musik zu verlieben. Mit 15 verliebt sein ist nie ganz einfach. In Musik verliebt zu sein, die abseits vom Mainstream ist, ist dann aber wirklich sehr schwierig. 1997 gab es in dem Haushalt, in dem ich lebte, noch kein Internet, das kam erst etwas später und dann wurde streng überwacht, dass man nicht zu lange surfte, weil eine viertel Stunde tagsüber im Netz surfen etwa so teuer wie ein Kleinwagen war. Musikfernsehen war bei mir ebenfalls Fehlanzeige. Wir hatten ja nichts. Was also tun, wenn man 15 ist, abgeschieden und gefühlt ewig weit entfernt von der Großstadt wohnt und es nur zeitweise mal einen Plattenladen in der Stadt gibt?

Ich hatte so ein Glück. Denn ich wurde 1997 15 und meine Schwester wurde 18. Volljährig. Führerschein. Hallo Welt. Hallo Musikwelt. Noch größeres Glück hatte ich damit, dass sie es war, die mir diese Musikliebe überhaupt vorgestellt hatte. Sie nahm mich mit, sie brachte mir mit, sie lieh mir aus.

Was diese Musikliebe mit mir und meinem Leben machte? Folgendes:

  1. Ich gebe Geld für Musik aus. Hauptsächlich für Konzerte, aber auch für CDs und Schallplatten. Möchte ich ausrechnen, wie viel? Lieber nicht.
  2. Die Tonträger nehmen Platz weg. Erklärt sich von selbst, oder?
  3. Ich wirke gelegentlich wie ein kleiner Nerd, vor allem wenn ich auf meinen Musikgeschmack angesprochen werde.  Oder wenn jemand mitbekommt, dass ich auf ein Konzert oder Festival gehe und fragt, wer dort spielt. Meistens antworte ich eher ausweichend, weil ich im Regelfall folgende Reaktion erhalte: „Nie gehört, kenn ich nicht. Was ist denn das? Ist das so Rock?“ Und Musik ist irgendwie sehr schwer zu erklären. Vor allem, wenn man weiß, dass das Gegenüber auch vergleichbare Bands nicht kennt. Tjaja, so Gitarrenmusik. Dings.
  4. Ich ertrage deutsches Radio nicht und liebe das Internet und britische Radiosender. Hallelujah.
  5. Sätze wie „wir wollten mal was neues ausprobieren“ sind wie Folter für mich.
  6. In meiner Freizeit sortiere ich „Diverse“-Fächer in Plattenläden um und stelle Alben nach vorne, die meiner Meinung nach auf jeden Fall mehr Beachtung finden sollten.

20 Jahre später trage ich keine Cordschlaghosen mehr – weil ich keine mehr finde – und auch sonst hat sich einiges geändert. Das Internet macht es einfacher für mich, Musik zu hören und zu entdecken, außerdem kann ich mit der Ubahn zu Konzerten und Plattenläden fahren. Es ist also leichter für mich, Musik zu konsumieren, aber gleichzeitig fällt es mir schwerer, begeistert zu sein. Das habe ich hier ja auschon einige Male thematisiert, dass es mir schwer fällt, „neue“ Bands zu finden. 1997, da kaufte ich CDs ohne Ende, wir brannten sie uns gegenseitig, wir Raubkopierer. Noch heute stehen etliche CDs in meinem Regal, die aus diesem Jahr stammen. Und wir nahmen uns auch noch Kassetten auf. Mixtapes, die wir dann im Auto hörten, bis das Band leierte. 1997, Cordschlaghosen, Musik, Mixtapes. Wie könnte ich diese Zeit nicht doch auch ein bisschen vermissen. Zum Glück ist ein bisschen was von der Zeit ja hängengeblieben, im Ohr und im Herz.

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Kategorien: me, myself & I | 7 Kommentare

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7 Gedanken zu „1997

  1. ❤️

  2. airsign

    Das ist ja so wahr. Die einzigen CDs der letzten Jahre von neuen Bands waren Kraftklub und Wanda. 🙄 Vor zwanzig Jahren gab es in Monat mindestens 2 original – CDs und ein Konzert. Und jetzt höre ich fast nur noch die alten Schinken.

  3. Miss James

    Ich habe heute noch zwei Alben vorbestellt, die demnächst geliefert werden. Aber du hast recht, das ist auf jeden Fall weniger geworden.

  4. Markus Freise

    Sehr großartiger Text. Danke dafür. Und weiterhin viel Spaß mit deiner großen Liebe.

  5. airsign

    Vorbestellt von neuen Bands oder von alten Bands?!

  6. Miss James

    Von The National und den Shout Out Louds. Also nicht 97-alt, aber auch nicht wirklich neu. Mitte der 2000er gab es musikalisch noch mal eine Hochphase. Ganz neu fallen mir gerade nur The Strypes, Giant Rooks und Wanda ein, die mich begeistern können.

  7. Geht mir genauso. Was habe ich vor Jahren Musik gekauft und Konzerte besucht (letzteres wohl nicht so oft wie du, aber reichlich). Neues und interessantes im Bereich Musik zu entdecken war nicht schwer. Heute hingegen konsumiere ich wenig neues, meist nur das was ich schon habe. Wenn ich mal ein neues Album kaufe, dann eher was bekanntes anstatt unbekannten Bands eine Chance zu geben (wie noch vor ein paar Jahren).
    Auch nimmt Musik nicht mehr den großen Platz in meinem Leben ein wie einst. Mich erschreckt das irgendwie.

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