Der Herr der Zeit 

Von der Dortmunder Innenstadt ostwärts führt der Hellweg entlang. Dort reihen sich Stadtteile wie an einer Perlenschnur entlang. Körne, Wambel, Brackel, Asseln, Wickede. In der Reihenfolge vom Zentrum entfernt. Jeder Stadtteil hat ein eigenes „Zentrum“ und das ist immer am Hellweg. Dort fährt die Straßenbahn entlang und dort sind die Geschäfte. Ich wohne in Körne, also noch recht nah an der Innenstadt. Die Wohnung ist nicht direkt am Hellweg, sondern in einer ruhigeren Seitenstraße, aber ich bin häufig dort, weil ich viel mit der Straßenbahn unterwegs bin und dann dort ein- bzw. aussteige. In Körne gibt es Supermärkte – deutsch, türkisch, polnisch – eine Drogerie, verschiedene Restaurants und Imbisse, Blumenläden, zwei Eisdielen, ein Hörgeräteakustiker, Friseure, einen Änderungsschneider, einen Schlüsseldienst, mehrere Apotheken, einen Bäcker und einiges mehr. Ich mag das sehr. Manche Geschäfte interessieren mich weniger, aber grundsätzlich finde ich es sehr schön, so ein gemischtes und großes Angebot vor der Haustür zu haben. Am allerallerliebsten aber gehe ich zu Ali. Ali ist Uhrmacher und hat einen winzigen Laden, der über und über mit Uhren vollgestopft ist. Während er deine Uhr repariert oder die Batterie wechselt, darf man neben ihm sitzen und ihm zusehen. Als ich das erste Mal bei ihm war, hat er während er mein Armband repariert hat, geraucht und ein Bier getrunken. In seinem Laden dudelt immer ein Radio und es ticken tausend Uhren.

Ali ist geschätzt Ende 50 und ist Kurde.  Er hat mir erzählt, dass er aus Kurdistan kommt, aber mittlerweile schon so lange in Deutschland lebt, dass er wie ein richtiger Deutscher ist. Ali spricht leider nicht wirklich gut deutsch, aber es reicht, um sich zu unterhalten. Und es reicht auch, um meine eine Uhr zu loben und über meine andere Uhr zu schimpfen. An der Uhr ist alles billig, aber ich mag sie einfach trotzdem sehr. Und er sagt, dass es keine gute Uhr ist, aber er verstehen kann, warum sie mir gefällt.

Alis Nachbarin ist Friseurin, ihr Salon neben seinem Laden. Ihre Uhr repariert er umsonst, dafür schneidet sie ihm die Haare. Ich selbst habe bei Ali noch nie soviel bezahlt wie er anfangs behauptet. Irgendwie „verliert“ er unterwegs immer ein paar Euro und selbst wenn man ihn daran erinnert, was er noch an der Uhr repariert hat, lacht er nur und weigert sich, mehr anzunehmen. „Komm nächstes Mal wieder zu mir“ sagt er dann. Und ein bisschen freue ich mich schon darauf. Bei Ali im Laden ist alles sehr eng und voll und chaotisch. Aber gleichzeitig ist die Welt bei ihm im Laden auch einfach sehr in Ordnung. Nie im Leben würde es mir mehr einfallen, meine Uhren zu einem anderen Uhrmacher zu bringen oder die Batterien im Kaufhaus wechseln zu lassen. Vielleicht kaufe ich mir demnächst noch ein oder zwei neue Uhren, damit ich häufiger zu ihm gehen kann.

Ich mag gar nicht darüber nachdenken, dass Ali seinen Laden mal irgendwann schließen wird. Er wird mir dann sehr fehlen. Schade, dass er zwar tausend Uhren hat, aber die Zeit nicht anhalten kann.

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Kategorien: I hope, I think, I know | 3 Kommentare

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3 Gedanken zu „Der Herr der Zeit 

  1. feeistmeinname

    ❤️

  2. airsign

    😍

  3. Pingback: Lesenswerte Links – Kalenderwoche 30 in 2017 > Vermischtes > Lesenswerte Links 2017

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