Freundschaft

Neulich habe ich einen Text über Freundschaft gelesen und darüber länger etwas ungläubig den Kopf geschüttelt. Dann habe ich mitbekommen, dass viele Menschen die Ansichten des Textes teilen und habe noch länger den Kopf geschüttelt.

Und dann habe ich nachgedacht. Warum ist das bei mir nicht so? Ich habe nämlich in den letzten Jahren noch ziemlich gute Freundschaften geschlossen. Ich habe da eine Weile drüber nachgedacht und versucht, mal meine Gedanken zu sortieren.

– schon zur Schulzeit hatte ich einen eher kleinen Freundeskreis, auf den ich mich aber verlassen konnte. Natürlich haben wir eine Menge miteinander erlebt. Liebeskummer, Alkoholexzesse und so weiter. Ja, wir haben beieinander übernachtet – in einer Kleinstadt ohne Führerschein bleibt einem gar nicht viel anderes übrig. Mittlerweile habe ich weniger Kontakt zu diesen Freundinnen, aber er besteht, zumindest teilweise, und ich möchte diese Freundschaften auch niemals missen.

– als ich nach Dortmund gezogen bin, blieb mir gar nicht viel anderes übrig, als neue Freunde zu suchen. Natürlich hatte er hier einen Feundeskreis, der mich auch herzlich aufgenommen hat – und die ich mittlerweile auch ohne groß darüber nachzudenken zu meinen Freunden dazu zähle – aber ich wollte auch unbedingt „eigene“ Freunde finden. Und ich habe sie gefunden. Nicht nach einer Woche, aber immerhin. Wir haben uns alle ungefähr zeitgleich kennengelernt und so ist ein neuer wunderbarer Freundeskreis gewachsen. Und tatsächlich wissen diese neuen Freundinnen, die mich noch gar nicht so lange kennen, manchmal mehr über mich als Leute, die ich schon ewig kenne. Und wenn sich eine von ihnen melden würde oder jetzt in diesem Augenblick an meiner Tür klingelt und Hilfe braucht, dann wäre ich ohne Zögern da und würde sie reinlassen, ihnen zuhören und ihnen ein Essen kochen. Und natürlich würde ich mir auch gemeinsam mit ihnen die Zähne putzen und mir auch mit ihnen ein Bett teilen. Davon abgesehen, dass wir auch heute über Jungs kichern und gelegentlich Blödsinn mit Schnaps anstellen.

– ich steh ja grundsätzlich nicht so extrem auf Menschen, vermutlich war ich deswegen auch immer glücklicher mit einem kleinen Freundeskreis, der aber wirklich zu mir passt als mit einer Horde Menschen, die ich kaum ertragen kann. Dabei nervt mich hauptsächlich Oberflächlichkeit und Alltagsegoismus. Hauptsache, es geht einem selbst gut. Ich kann einfach nicht wirklich mit Leuten befreundet sein, die keinen Blick über ihren eigenen Tellerrand schaffen. Wenn ich dann allerdings solche Freunde gefunden habe, dann liebe ich sie nahezu bedingungslos.

– ich stehe total auf Verbindlichkeit. Wenn ich eine Einladung erhalte, dann sage ich zu oder ab. Bemerke aber immer wieder, dass viele Mitmenschen sich bis zum letzten Moment gerne alles offen halten. Vielleicht kommt ja noch was besseres. Wenn man das mal auf Freundschaft ummünzt, kann ich nachvollziehen, warum sich einige Menschen schwer damit tun, neue Freundschaften zu knüpfen. Übrigens: gute Freunde verstehen auch, wenn man mal kurzfristig absagen muss, zum Beispiel weil man einfach zu müde ist. Das kann im Leben mal vorkommen.

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(ganz frisch von Freunden geschenkt bekommen, wie passend!)

– tatsächlich habe ich heutzutage mehr Freunde als noch zur Schulzeit. Wie gesagt, richtige Freunde. Während der Schulzeit war ich eher eine Außenseiterin, schon damals waren mir Dinge wie Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit, Emanzipation und Naturschutz wichtig. Den meisten Mitschülern eher nicht so. Als ich dann mit der Schule fertig war und wenig später mit wehenden Fahnen die Kleinstadt verließ, musste ich feststellen, dass ich gar nicht so der Außenseiter bin (sondern vielmehr meine Mitschüler zu großen Teilen aus oberflächlichen und enorm beschränkten Menschlein bestanden…würde mich auch nicht wundern, wenn die heute fast alle AFD wählen, oder gar nichts), sondern es noch einige andere Leute gibt, die so wie ich denken und handeln. Das wurden dann meine Freunde. Und die sind jetzt nicht nur auf den kleinen Radius der Schule beschränkt, sondern leben in ganz Deutschland verteilt. Es ist also völlig normal, dass man sich nicht mehr so häufig sieht. Der Kontakt ist trotzdem da und man freut sich dann umso mehr, wenn man sich trifft.

– stehen sich manche Leute vielleicht einfach selbst etwas im Weg, wenn es darum geht, neue Freundschaften zu knüpfen? Oder ist es eher ein Fall von falschen Erwartungen? Man ist ja älter geworden, die eigenen Interessen verändern sich – aber die der Leute, die man neu kennen lernt, doch auch. Ich glaube, keiner in meinem Alter besteht noch darauf, seine Freunde täglich sehen zu müssen.
Wie auch immer: ich freue mich über all meine Freunde, egal, wie lange ich sie schon kenne. Das kann man denen übrigens gelegentlich auch mal sagen und zeigen, das schadet nicht.
Ich habe ein paar Freunde im Laufe des Lebens verloren, das tut mir leid, aber ich schätze, dass das zum Leben auch dazu gehört.

Freunde sind die Familie, die man sich selbst aussucht.

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Kategorien: I hope, I think, I know | 6 Kommentare

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6 Gedanken zu „Freundschaft

  1. airsign

    Ich habe jetzt das erste mal diesen bento-Text gelesen. An ein paar Stellen stimme ich dem Text zu, an anderen überhaupt nicht. Ich finde jedenfalls, dass es nicht darauf ankommt wie oft man sich sieht. Manche sieht man einmal im Jahr und es ist als hätte man sich die letzten Monate jeden Tag gesehen. Das finde ich schön. Neue Freunde habe ich die letzten Jahre meist durch Zufall kennengelernt, ich war gar nicht auf der Suche, weil ich eigentlich einen sehr großen Freundeskreis habe, aber ich will jemanden der alten oder neuen Freunde missen! Mit dem Zusagen – und mit vielem anderem – sprichst du mit auf der Seele

  2. Ich hatte während der Schulzeit auch eher einen kleinen Freundeskreis, der sich so zusammengefunden hatte, das änderte sich dann mit dem Studium, wo ich auf einmal – zumindest gefühlt – mit Leuten zusammenhing, bei denen ich ziemlich sicher war, dass wir, wären wir in der gleichen Stufe gewesen, kaum Kontakt gehabt hätten.

    Der Bruch zwischen Schuld und Studium hat mir auch gut getan. Auf der Schule bleibt man immer sehr in den gleichen sozialen Bahnen, auch wenn man sich innerlich schon längst in eine andere Richtung entwickelt hat. Das kann man dann erst tatsächlich richtig ausleben, wenn man einen Cut gemacht hat und in einem ganz neuen Umfeld neu anfangen kann.

    Auch das Internet war da sehr hilfreich. Auf einmal merkt man, dass man mit vielen Interessen und Ansichten gar nicht allein ist. Die Leute wohnen halt nur nicht immer nebenan. Das ist auf der einen Seite schade, weil man sie so nicht spontan schnell kennenlernen kann, auf der anderen Seite kenne ich jetzt Leute in ganz Deutschland und mindestens einmal im Jahr sieht man sich dann in Berlin auf der re:publica. Auch schön.

  3. „Wenn ich eine Einladung erhalte, dann sage ich zu oder ab. Bemerke aber immer wieder, dass viele Mitmenschen sich bis zum letzten Moment gerne alles offen halten. “

    Interessant finde ich, dass sich diese Mitmenschen ja dann meistens selbst für spontan halten – obwohl es das grade nicht ist, wenn man die Zusage wochenlang offen lässt

  4. Miss James

    Ich war einfach sehr überrascht, schließlich bin ich als Ostwestfälin grundsätzlich selbst nicht der aufgeschlossenste Typ und empfinde zudem noch viele Menschen als überflüssig. Dass es dennoch Leute gibt, die es als noch schwieriger ansehen, Freundschaften zu schließen…da befürchte ich einfach, dass sich enorm viele Menschen selbst auf ihren eigenen Füßen stehen.

  5. Ich glaube es ist wichtig, dass man auch in seiner Freizeit irgendwas macht, wo man auf Menschen trifft. VHS-Kurse, Sport-Kurse, Studium,… Da lernt man doch zwangsläufig Leute kennen. Wer nur zwischen Arbeit und Sofa pendelt hat es schwer.

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