Dialog im Dunkeln

Neulich habe ich mich für ein paar Stunden mit meiner Familie in Hamburg getroffen, und neben ein bisschen Landungsbrücken, Innenalster, Abendessen im Portugiesenviertel, Franzbrötchen und Speicherstadt hatten wir noch einen besonderen Tagesordnungspunkt auf unserem Plan – einen Besuch bei Dialog im Dunkeln.

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Hier wird für einen die Welt der Blinden simuliert. Man bekommt einen Blindenstock und ein paar einführende Hinweise und dann sieht man für die nächsten 90 Minuten genau das hier:

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Während dieser 90 Minuten wird man von einem blinden oder schwer sehbehinderten Guide geführt, und zwar durch verschiedene Alltagsszenen. So gibt es unter anderem einen Park, einen Marktstand, man überquert eine Straße (glücklicherweise war das nicht echt, ich bin nämlich schön vor die Motorhaube eines wartenden Autos gelaufen), einen Raum mit verschiedenen Gewürzen, eine kleine Bootstour (ja, wirklich) und eine Bar.

So ist es: Blind sein ist scheiße. Vermutlich ist es anders, wenn man von Geburt an blind ist, weil man es dann ja nicht anders kennt. Ich aber habe jetzt eine neue Horrorangst, nämlich: blind werden. Und da ich nicht die erste in meiner Familie wäre, die über einen längeren Zeitraum hinweg das Augenlicht verliert, ist es zumindest nicht ganz abwegig. In der Dunkelheit verlor ich sofort jegliches Gefühl für den Raum und für die Abstände. Ich hörte die Stimmen meiner Familie und des Guides und konnte nicht ansatzweise sagen, wie weit entfernt sie von mir sind. Auch Gewohnheitssache, unser Guide konnte an der großen Weltkarte (mit Relief-Schrift, so dass wir sie „lesen“ konnten) anhand unserer Stimme sagen, wo wir stehen. Cooler Typ, sowieso, er machte sich nämlich gerne mal einen Spaß mit uns und zog uns ein bisschen auf, wenn wir im Gänsemarsch durch die Räume wackelten und nicht wie er einfach sicher da durch gingen. In der Bar hatten wir dann die Möglichkeit, ein bisschen mit ihm zu sprechen und erzählte uns von seinem Alltag und wie er sein Leben so meistert, was ihn wütend macht und was ihn erfreut.

Ich war froh, dass ich meine Familie dabei hatte, da ich ihnen, nun ja, blind vertraue. Ich hatte keine Probleme, ihre Stimmen herauszuhören und konnte mich so ein bisschen an ihnen orientieren. Ich legte ihnen meine Hand auf den Arm und wusste so ziemlich gleich, wer das ist. Wir sind ein eingespieltes Team, auch ohne Licht. Aber auch so kann ich diese Tour jedem nur wärmsten empfehlen. Es erweitert den eigenen Horizont ungemein.

Zwei Fragen bleiben unbeantwortet: wie sieht unser Guide wohl aus? Und wie sehen die Räume bei Tageslicht aus? Aber warum sollten wir da einen Vorteil den Blinden gegenüber bekommen…und so bleibt beides ein Geheimnis.

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Kategorien: Entdeckt & Gesehen, I hope, I think, I know, Travellers Tune | Schlagwörter: , , | Hinterlasse einen Kommentar

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