Beschützerinstinkt

Am Liebsten würde ich alle Menschen in meinem Umkreis – Freunde, Familie, Arbeitskollegen – die mir ansatzweise etwas bedeuten, die ich irgendwann in mein Herz geschlossen habe und die dort geblieben sind, in kuschligweiche Watte packen. Und eingepackt in diese Kuschelwatte würden wir dann gemeinsam in meiner bunten, schönen Welt wohnen.

Keine Krankheit, kein Schmerz, kein Leid, kein Streit, kein Stress. Ich wünschte, ich könnte sie alle davor beschützen, aber ich kann es natürlich nicht. Die Wahrheit ist natürlich, dass es Krankheiten gibt, unheilbare. Dass es Liebeskummer gibt, bösartige Menschen, Schnupfen, Migräne, Straßenbahnlärm, Nieselregen, Tod und schlechte Radiomoderatoren. Die Welt ist nicht so bunt, wie ich es gerne hätte. Sie ist nicht mal so bunt, wie ich sie mir oft einrede. Zumindest nicht immer.

Ich würde sie einfach in Wolken-Watte packen, alle, und beschützen.

Die andere Wahrheit ist, dass es natürlich hauptsächlich darum geht, mich selbst zu schützen. Weil ich es kaum ertrage. Weil ich es nicht etrage, Menschen, die ich mag, die zu mir gehören, leiden zu sehen. Egal, ob sie Schmerzen haben oder Depressionen oder einfach nur begründete schlechte Laune. Es zerreißt mir das Herz, wenn ich nicht helfen kann. Denn mal ehrlich: wie soll man jemandem helfen, der Liebeskummer hat? Oder Krebs? Oder der einfach wie ein Stück Dreck behandelt wurde? Man kann natürlich Schmerz lindern. Man kann Zuhören, eine Umarmung schenken oder einen Schokoladenkuchen. Aber man kann es nicht ändern, wenn man nicht gerade Psychotherapeut oder Arzt ist. Das bin ich nicht. Und um ehrlich zu sein, finde ich nicht mal die Zeit für alle die, die es bräuchten. Oder die Energie dazu. Und dann gehe ich schlafen und habe manchmal ein schlechtes Gewissen.

Meine Zuckerwatte-Welt. Ohne Kummer und Schmerz. Ist ja Quatsch. Man muss im Leben auch mal mit Leid und schlechten Zeiten umgehen können. Das prägt, das stärkt und formt einen zum Menschen. Das weiß ich ja selbst und ich bin ja rückwirkend der ein oder anderen schlechten Zeit schon fast dankbar. Aber jetzt gerade geht es mir gut und ich bin mir dessen bewusst. Und ich wünschte, ich könnte das ein bisschen verteilen. In Watte verpackt.

Und dann wäre uns allen langweilig.

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Kategorien: I hope, I think, I know | 10 Kommentare

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10 Gedanken zu „Beschützerinstinkt

  1. Sonja

    Das ist ein wundervoller Eintrag. Danke dafür, dass du sowas tolles geschrieben hast!

  2. Sehr schön gesagt 🙂

    Aber auch wenn es dir jetzt gut geht: Schokoladenkuchen hat immer Saison!

  3. Ein toller Post. Ging mir ans Herz. Vor allem die letzten drei Sätze.

    Ich hatte im Sommer so eine Phase, in der ich ganz konzentriert versucht habe, meine gute Zeit wahrzunehmen und wertzuschätzen. Berg auf, Berg ab. Meistens fühlt man im Tal mehr als auf dem Gipfel. Und das ist doof 🙂

  4. Das kann ich alles so gut verstehen. Deswegen habe ich mir meine bunte watteweiche Blogwelt gebaut. Du bist dort herzlich willkommen :)!

  5. Pingback: Too much information - Papierkorb - Guten Morgen

  6. das kommt mir sehr bekannt vor … ich ticke da ähnlich und kann es überhaupt nicht haben, wenn meinen „lieben“ irgendwie schlimmes widerfährt…

    michaela

  7. Miss James

    Danke für eure Worte. Ganz gut, wenn man weiß, dass man nicht allein so denkt 🙂

  8. Pingback: Too much information - Papierkorb - Guten Morgen

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