dagegen sein dagegen sehr

Ich bin eine brave Bürgerin. Ich zahle Steuern und GEZ, ich gehe selten bei Rot über die Ampel, ich wehre mich nicht gegen die Strafen wegen Überschreitung der Höchstgeschwindigkeit, ich trenne meinen Müll vorbildlich, kaufe Energiesparlampen, gehe immer zur Wahl und fahre nie schwarz in öffentlichen Verkehrsmitteln. Angepasst. Unauffällig. Wie vermutlich die meisten Menschen.

Heute war ein Nazi-Aufmarsch in Dortmund und ich ging hin. Nicht, um sie zu unterstützen, sondern, um zu zeigen, wie sehr ich dagegen bin. Heute vor einem Jahr war ich übrigens auch in Dortmund, schaute mir hier im beschaulichen Süd-Ost-Teil der Stadt verschiedene Wohnungen an und bekam natürlich auch mit, dass Demonstrationen waren, in der Stadt, aber was genau los war, das wusste ich auch nicht. Nazis gegen Nazigegner, so viel war und ist klar.

Naziaufmärsche in Bielefeld bedeuteten für mich immer, dass ich mich vor den Bahnhof stellte, zusammen mit mehreren hunderten Menschen, die ebenfalls der Meinung sind, dass Nazis nicht in die Stadt sollten. Irgendwann kam dann die Meldung, dass sie es auch wirklich nicht schaffen, weil man ja den Weg blockiert, und die Nazis fuhren wieder nach Hause und man selbst ging wieder nach Hause. Unspektakulär.

In Dortmund spricht man seit Tagen, wenn nicht seit Wochen, vom 3. September 2011. Es wurde zu Sitzblockaden aufgerufen und ich dachte sofort „Na klar, da machste mit.“ Aber erst dann dämmerte mir, dass das hier nicht so einfach sein würde. Denn plötzlich war es eine Straftat, sich den Nazis in den Weg zu stellen. Bis zu drei Jahren Haft droht wohl im schlimmsten Fall. Ein paar Fragezeichen ploppen vor meiner Stirn auf, denn in meiner Welt ist es eine Straftat, ein Nazi zu sein. Gut, ich bin ein guter Bürger. Eine Straftat werde ich wohl mal riskieren müssen.

Heute Morgen gegen 9 Uhr in der Nordstadt. Überall Polizeisperren und -autos. Die Straßen ansonsten verlassen, bis auf ein paar Menschen, einige Grüppchen, die versuchen, zu der Versammlung zu kommen, die dann auch die Blockade durchführen will. Keine Chance. Die Polizisten sind nett und wirken hilsbereit, schauen auf Stadtpläne und zucken immer wieder mit den Schultern. Also, na klar verstehen sie, dass wir zu der Versammlung wollen, aber gerade dort ginge es nun wirklich nicht, uns durchzulassen, man solle es aber mal in der und der Straße probieren. Von A nach B nach C nach D. Zwischendurch werden wir Zeuge eines Angriffs einer linksautonomen Gruppe auf Polizisten. Ich sehe einen Polizisten am Boden liegen und komme ins Wanken. Was tue ich hier eigentlich? Was ist hier los? Warum müssen solche Dinge passieren, wenn wir uns doch nur den Nazis in den Weg stellen wollen.

Im Laufe des Tages wechseln sich bei mir Wut, Frustration und Unverständis ab. Nachdem wir aufgegeben haben, zu der Sitzblockade zu gelangen und wieder zurück in die Stadt wollen, müssen wir feststellen, dass es schon fast unmöglich geworden ist, aus der Nordstadt wieder heraus zu kommen. Wo wir auf dem Hinweg noch locker langlaufen konnten, sind nun weitere Straßensperren. Doch irgendwann hat ein Polizist Erbarmen und winkt uns durch. Bahnen halten leider nicht mehr. Ein Fußmarsch in die Stadt beginnt.

Gewinner des Tages ist für mich der U-Turm. Der hat ja eine sowieso schon tolle Turmbeleuchtung, heute zeigte er laufend einen Satz: „Ich, der Turm, fand damals schon Nazis voll uncool.“ Danke.
Wir gehen weiter, schließen uns der offiziellen Gegendemo an, laufen mit 4.000 Leuten in die Nordstadt und dann war es das auch wieder. Twitter informiert mich, dass die Gewalt zu nimmt. Tränengas. Wasserwerfer. Zerstörte Polizeibullis und mehrere Verletzte. Über 200 Festnahmen (ein Drittel davon ist noch nicht volljährig) und dann die Nachricht, dass der Naziaufmarsch dank der Sitzblockade einen Umweg machen muss und dann, dass die Kundgebung vorbei ist.

Nach Angaben der Polizei waren nicht einmal 700 Nazis in der Stadt und 10000 Menschen, die gegen sie waren. Für Dortmund ist das sicherlich ein großer Erfolg. In mir selbst fühlt sich das nur nach einem schwachen Trost an. Denn ich kenne die Bilder, von erst jüngst geschmierten Naziparolen an Häusern linker Parteiangehöriger. Ich lese die Nachrichten, dass Nazis in Dortmund linke Aktivisten überfallen. Und ich glaube einfach nicht, dass sich Nazis davon abschrecken lassen, dass es einen Friedenszug und eine Menschenkette mit 4000 Beteiligten gegeben hat. Ich glaube, das geht ihnen an ihren braunen Ärschen vorbei.

Warum wird den Nazis hier ein solcher Polizeischutz zur Verfügung gestellt? Rigoros abgeschirmt, so dass sich ihnen wirklich nur einige in den Weg stellen konnten. Warum werden solche Kundgebungen von so offensichtlich demokratiefeindlichen Gruppen erlaubt? Und natürlich ist die linke Gewalt genauso scheiße, aber blieb etwas anderes übrig? Denn eigentlich hätten sich alle 4000 Demonstranten dort auf die Straße setzen sollen.

Vor einem Jahr habe ich mich für Dortmund entschieden. Und ich will in dieser Stadt keine Naziaufmärsche. Ich weiß spätestens seit heute, dass es vielen genauso geht. Und das ist der Teil mit dem guten Gefühl, heute. Aber gleichzeitig wuchs heute so eine enorme Wut in mir, die mit einer Demonstration nicht abzumildern ist. Und so ist jetzt am Abend eine Leere in mir, weil ich selbst nicht weiß, wie ich diesen Tag zu bewerten habe. War es jetzt ein Erfolg oder doch total sinnlos? Und werde ich das Bild des am Boden liegenden Polizisten jemals vergessen können? Werde ich irgendwann mal verstehen können, warum den Nazis hier so der Weg frei gemacht wird? Und hat der Oberbürgermeister doch Recht mit seiner Hoffnung, dass es irgendwann in Dortmund keine Naziaufmärsche geben wird?
Und werde ich nächstes Jahr noch früher aufstehen?

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Kategorien: Hometown Blues, I hope, I think, I know | 7 Kommentare

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7 Gedanken zu „dagegen sein dagegen sehr

  1. Pingback: Lesezeichen

  2. ich verstehe Deine Gefühle. Mich macht es jedes mal masslos wütend zusehen das es bei Gegendemos zu rechten Aufmärschen oftmals zu Gewalt kommt. Wieso kann der linke Flügel nicht zeigen das er gesittet demonstrieren kann, und somit zeigen / beweisen das Gewalt unnötig ist man besser als das rechte Lager ist. Wieso immer all diese Gewalt?
    Damit stellen sich die extremen Linken auf die gleiche Stufe wie die Rechten.

    Wir leben in einer Demokratie, und da müssen wir auch solches Gesockse wie die Rechten in der Parteienlandschaft zulassen, und denen „Demonstrationen / Aufmärsche“ gewähren. Das macht unseren Staat aus, das wir niemanden ausschliessen, und jedem das mitwirken an unserer Demokratie ermöglichen.
    Dazu gehört aber leider auch zu akzeptieren das es Parteien gibt, die nicht einem zusprechen.
    Auch wenn ich es gerne hätte das die rechten Parteien nicht an diesem System teilhaben dürfen, fände ich es wiederum nicht korrekt diese auszuschließen. Denn dann wären wir keine Demokratie mehr, und waren am Ende nicht besser als das was die Nazis schaffen würden, sollten sie an die Macht kommen.

  3. Miss James

    Nur blieb einem kaum eine andere Wahl. Entweder zähneknirschend aufgeben (wie wir) und gehen, oder Gewalt anwenden. Ohne die Randale und die illegale Sitzblockade hätten die Nazis völlig frei ihre Route abmarschieren können. Und dass das nicht alle so hinnehmen wollen, ist auch verständlich.

  4. Gegen Sitzblockaden habe ich auch nichts, ich befürworte das sogar und finde das klasse.
    Aber das der linke Block Gewalt anwendet, das schadet den Gegnern der rechten Aufmärsche mehr, als es bringt.Stellt es sie doch auf eine Stufe mit den Rechten… meine Meinung.

  5. Ich bin auch gegen Gewalt. Nur waren Sitzblockaden am Samstag nicht erlaubt. 4000 Polizisten haben dafür gesorgt, dass 760 Nazis störungsfrei ihre Route laufen konnten. Nur ein paar wenige haben es zu einer Blockade geschafft (die wurde dann geduldet, weil man noch mehr Eskalation vermeiden wollte), alle anderen mussten a) hilflos zusehen oder b) Gewalt anwenden. Ich bin eher der hilflos-zusehen-Typ. Und das war am Samstag ein richtig beschissenes Gefühl.

    Vor allem, wenn man fast wöchentlich davon liest, wie hier Nazis Linke angreifen / überfallen, Hauswände mit Hakenkreuzen beschmieren, Scheiben von Parteibüros einschmeißen usw. Und als Samstag Abend Nazis ein Friedensfest der Demokraten/Linken/normalen Bürger aufmischten, da war kaum Polizei vor Ort. Kommunikationsprobleme. Soso. Das kotzt mich so an. Da kann ich dann irgendwo auch ein bisschen verstehen, dass Leute ihren Frust in Form von Gewalt zeigen. Auch wenn es scheiße ist. Und ich wünschte, mir würde eine bessere Lösung einfallen.

  6. Wir leben in einer Demokratie, und da müssen wir auch solches Gesockse wie die Rechten in der Parteienlandschaft zulassen, und denen „Demonstrationen / Aufmärsche“ gewähren. Das macht unseren Staat aus, das wir niemanden ausschliessen, und jedem das mitwirken an unserer Demokratie ermöglichen.
    Dazu gehört aber leider auch zu akzeptieren das es Parteien gibt, die nicht einem zusprechen.
    Auch wenn ich es gerne hätte das die rechten Parteien nicht an diesem System teilhaben dürfen, fände ich es wiederum nicht korrekt diese auszuschließen. Denn dann wären wir keine Demokratie mehr, und waren am Ende nicht besser als das was die Nazis schaffen würden, sollten sie an die Macht kommen.

    +1

  7. Miss James

    Mein Kopf weiß das ja…nur das Herz will es nicht verstehen.

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