Im Dazwischen-Alter

In Zügen kann man merkwürdige Menschen beobachten. Ich sitze im Zug und versuche nicht, die vier etwas älteren Menschen anzustarren, die mir gegenübersitzen. Ich wollte gerade Geld darauf verwetten, dass sie Lehrer sind, als ich ihre Koffer registriere und mich erinnere, dass sie am Flughafen eingestiegen sind. Keine Schulferien. Vielleicht doch keine Lehrer. Eigentlich sind sie noch gar nicht sooo alt. Vielleicht etwas älter als meine Mutter. Aber so möchte ich nie werden. Beige-graue Kleidung und alles an ihnen ruft „eher praktisch als modisch“. Sie sind zu viert unterwegs, aber sie sprechen kaum miteinander. Und irgendwie wirken sie, als wären sie zwar sicherlich zufrieden mit ihrem Leben, aber nie ausgelassen fröhlich.

Dann steigt eine Horde Jugendlicher ein. Also, wirklich, ohne Übertreibung. Irgendwo in der Umgebung muss ein Konzert oder Festival gewesen sein, denn eins der Mädchen trägt ein Poster und einige sehen etwas abgerockt aus. Hilfe! Jugendliche! Doch die sind eigentlich ganz entspannt, zwar kichrig laut, aber ohne Randale-Absicht. Sie mögen so ungefähr 15 sein. Ich möchte nicht noch mal 15 sein. Ich will es nicht noch einmal durchmachen müssen, dieses Erwachsen-werden, dieses nicht wissen, wo das Leben einen hinführt. Auf keinen Fall möchte ich mit ihnen tauschen. Die Jungs, die in zehn Minuten vierzehn Mal ihre Haare richten. Die Mädels, die ein bisschen ungelenk geschminkt sind und schlecht gefärbte Haare haben. Sie alle zusammen, die Hunger haben, allerdings keine Kröten mehr für einen Tages-Abschluss-Burger. Und vor allem: ich möchte nicht aus dem Zug meine Mutter anrufen und mich rechtfertigen müssen, warum ich später als verabredet nach Hause komme.

Die Fünfzehnjährige (mit Zahnspange) dreht sich zu ihrem Freund um als sie aufgelegt hat und beschwert sich „Immer muss sie erst rumnörgeln!“ was bei mir folgende blitzschnell ablaufende Gedankenkette hervorruft:

1. Deine Mutter macht sich doch nur Sorgen!
2. Oh mein Gott!
3. Ich verstehe Eltern!
4. Das heißt, ich werde alt!

Ja, ich fühle mich alt. Wenn ich diese Mädchen anschaue und dann mein Spiegelbild in der Scheibe des Zugs, dann frage ich mich wirklich, warum ich ständig meinen Ausweis vorzeigen muss. Ich habe nicht wegzudiskutierende Lachfalten an den Augen. Und an den Mundwinkeln. Ich sehe überhaupt gar nicht mehr aus wie siebzehn. Und ich fühle mich auch gar nicht mehr so. Vor allem spreche ich auch überhaupt nicht so, ich benutze nämlich mit Freude Artikel und lege auch sonst relativ viel Wert auf eine korrekte und deutliche Aussprache. Ich weiß, was ich will und ich weiß, wer ich bin. Ich habe Meinungen, Ziele und Wünsche. Ich verdiene so viel Geld, dass ich jederzeit in jede x-beliebige Fastfood-Kette spazieren kann, wenn ich möchte. Allerdings möchte ich das gar nicht immer. Manchmal denke ich übers Kinderkriegen nach und der Gedanke wird zwar (noch) in weitere Ferne geschoben, löst aber auch keine Panikattacken mehr in mir aus.

In Dortmund strömen wir alle gemeinsam aus dem Zug. Einer der älteren Männer (mit buschig gewachsenen Augenbrauen, was ihn wie einen Uhu aussehen lässt) fragt mich „Wie alt sind die wohl? Sie sind da ja doch noch näher dran…“

Ich fühl mich wieder jung. Bin ja noch nicht mal dreißig. Irgendwo mittendrin. Im Dazwischen-Alter.

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Kategorien: I hope, I think, I know | 2 Kommentare

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2 Gedanken zu „Im Dazwischen-Alter

  1. Es gibt glaube ich nur eine kurze Zeitspanne, zwischen der Phase, in der man sich von der Bahn aus telefonisch daheim entschuldigen muss, wenn man 10 Minuten später nach Hause kommt, und der Phase, in der man sich von der Bahn aus telefonisch im Büro entschuldigen muss, wenn man 10 Minuten später auf die Arbeit kommt.

    Beides macht mich irgendwie traurig, wenn ich es in der S-Bahn mitbekomme. Ich scheine noch in der Phase dazwischen zu stecken.

  2. Ich müsste von der Bahn aus im Büro anrufen, wenn ich nur eine Viertelsekunde zu spät käme. Das hat also nicht unbedingt was mit dem Alter zu tun 😉 Aber ich fahr ja gar nicht mit der Bahn zur Arbeit. Und bisher war ich zum Glück auch immer pünktlich.

    Viel trauriger finde ich Erwachsene, die sich vorm Partner rechtfertigen müssen, weil es später wird 🙂

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