6 Monate Ruhrpottgirl

Unglaublich. Es ist schon sechs Monate her, seit ich meine sieben Sachenfünfzig Umzugskartons gepackt, meine Möbel auseinandergeschraubt und – mit Hilfe der besten Freunde der Welt – in einen Sprinter geladen habe. Während der Sprinter schon in Richtung neue Heimat fuhr, bekam ich noch ein Abschiedsgeschenk, welches mich später noch zu Tränen rührte. Und dann ging es auch für mich los. Nach Dortmund.

Neue Heimat. Der Anfang war ganz schön schwer. Das hatte ich mir einfacher vorgestellt. Das war es nicht. Da war eine Menge Heimweh und die Eingewöhnung ist mir schwer gefallen. Es ist aber auch so, dass ich ja Bielefeld wirklich sehr sehr liebe. Ich bin ja gar nicht direkt in Bielefeld geboren oder großgeworden. Ich habe dort lediglich fünf Jahre gewohnt. Aber ich habe mich nie zuvor so sehr Zuhause gefühlt wie dort. „Ich bin Bielefelderin“ sage ich, wenn man mich nach meiner Herkunft fragt. Da muss eine andere Stadt erst mal mithalten können. Und das konnte Dortmund anfangs nicht. Es war Winter. Nass, kalt, grau. Dazu kam, dass ich mich ständig verfuhr oder verlief. Nachdem ich in Bielefeld endlich das Gefühl gehabt hatte, mich selbst gefunden zu haben, war ich jetzt plötzlich wieder auf der Suche. Auf der Suche nach Orten, an denen ich mich wohl fühlen konnte. Auf der Suche nach Orten, die mich beeindrucken, die ich schön finde. Und die fand ich zunächst nicht. Versteckt im Winternebel sah ich nichts Schönes in dieser Stadt.

Zudem kam noch die Erkenntnis, dass das Leben in Bielefeld natürlich auch ohne mich weiterläuft. Das Gefühl, etwas zu verpassen. Dinge aus dem Leben der Freunde nicht mitzubekommen. Die Freunde, die weiterhin weggehen, im Mellow sitzen, Geschichten erleben, Konzerte besuchen. Die sich verlieben, die traurig sind, fröhlich, betrunken, wütend. Und ich bekomme zwar einiges mit, aber längst nicht alles. Und manchmal sitze ich dann zwischen ihnen und kann nur erahnen, worüber sie reden.

Doch es wurde besser. Ich fand Plätze, die mir gefallen. Das Wasserschloss, das Cakes & Treats, das Chill’R den U-Turm. Ich war in Kinos, in Kneipen und Clubs. Monatlich freue ich mich auf und über die Lesebühne LMBN, die mir auch ein kleines Stück Heimat gibt. Ich weiß die Innenstadt mit ihren Einkaufsmöglichkeiten wirklich sehr zu schätzen. Die Investition in ein Navigationssystem führte dazu, dass ich mich nicht mehr verfahre und zudem meine Orientierung sich verbessert hat. Es gibt immer noch Dinge, die mich furchtbar stören (Zuflussregelungen auf Autobahnen!) oder irritieren (dass man immer einen Artikel vor den Namen setzt, also: „Die Chantal hat gesagt, dass sie die neue Frisur von dem Marvin total gut findet!“)

Ich suche immer noch den einen Friseur, der mich hundertprozentig glücklich macht. Ich muss bald einen Zahnarzt finden. Es gibt Momente, da bin ich auf dem Stadtring heillos überfordert. Oder ich weiß in der Einkaufsstraße nicht genau, ob ich mich auf der West- oder Ostseite befinde. Ich bekomme zufällig bei der Arbeit ein Dokument in die Hand, auf dem mein alter Chef unterschrieben hat. Ich stehe vor dekorierten Dr.Oetker-Tischen in der Buchhandlung. Für diesen einen Moment ist es hart. Aber dann sehe ich den beleuchteten U-Turm (der am Westende liegt), oder höre den Klavierspieler in der Fußgängerzone. Dann sehe ich den Florian in der Abendsonne leuchten. Ich sehe Kinder mitten auf der Kampstraße schaukeln. Ich sehe die vielen grünen blühenden Bäume, die die B1 zu einer Allee machen. Ich fühle die fiebrige Vorfreude am Samstag um 15:30 Uhr.

Ich habe in den sechs Monaten ein paar wirklich sehr nette Menschen kennen gelernt. Ich hätte nichts dagegen, wenn es noch mehr werden würden. Obwohl ich schon viel unterwegs bin, darf es noch mehr sein.
„Ich brauche Zeit“ habe ich in den ersten Wochen häufiger gesagt. Mehr zu mir selbst als zu anderen.

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Ich brauche immer noch Zeit. Bin gespannt, was die nächsten sechs Monate so bringen werden.

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Kategorien: Hometown Blues | Ein Kommentar

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Ein Gedanke zu „6 Monate Ruhrpottgirl

  1. thomas

    sehr schöner text ,kann ich ja teilweise grad gut nachvollziehen.

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