it’s only rock’n’roll but I miss it

Ich war so ungefähr 14 oder vielleicht auch schon 15 als ich anfing, mich für die Musik zu begeistern, die mir auch jetzt noch Freude ins Herz zaubert. Zu der damaligen Zeit gab es „Brit Pop“ und ich hörte Oasis, Blur, Supergrass, Ash (mein erstes Konzert), Stone Roses, Embrace, The Verve, Suede. Sobald meine Mutter es erlaubte, fuhr ich (gemeinsam mit meiner Schwester) auf Konzerte, sah dann fast all meine Helden zum ersten Mal live und fing es an, richtig zu lieben. Musik. Mittlerweile suche ich im CD-Laden unter der Rubrik „Indie“ oder „Alternative“, denn ja: ich kaufe sie gerne noch, die kleinen Silberlinge. Am liebsten kaufe ich CDs allerdings direkt bei Konzerten, da sind sie in der Regel günstiger, mit großen Klimperaugen kann man noch einen Button gratis schnorren oder sich die CD direkt signieren lassen.

Musik erzeugt Gefühle. Ganz oft verknüpft mit Erinnerungen. Musik an, Augen zu, Gänsehaut. Ich sehe uns auf der Tanzfläche stehen, die Arme in den Himmel gereckt und jede Zeile unserer Helden mitsingend. Ich sehe uns vor der Bühne stehen, ganz nah an der Band, verzückt und verliebt. Ich sehe die rauschenden Bäume des Haldern Open Air, zwischen denen langsam die Abendsonne versinkt.

Musik wandelt sich, Geschmack wandelt sich. Obwohl ich immer noch recht eingeschränkt in meinem Musikgeschmack bin – zumindest, wenn ich das mit einigen anderen vergleiche – so bin ich doch auch offener geworden und höre mittlerweile Musik, mit der man mich vor Jahren noch hätte jagen können. Wenn früher eine Frau sang, dann schaltete ich aus. Heute bin ich verrückt nach Anna Ternheim. Nur so als Beispiel. Musik ändert sich, auch Bands. Wenn ich mich heute auf neue Alben von Bands freue, die ich seit Jahren mag, dann kann es sein, dass beim Hören mein Gesicht immer länger wird. Ich bin kein großer Freund davon, dass Bands sich neu finden wollen. Wenn ich schon alle Platten besitze und liebe und dann etwas zu hören bekomme, was so ganz und gar anders ist, das gefällt mir nicht. Derzeit sind ja alle irgendwie dabei, so ein Elektro-Gefrickel in ihren Werken einzubringen. Schlimm für mich.

Was mich noch zur Zeit sehr stört und nervt: die Entdeckung der Langsamkeit. Ich weiß noch, dass ich 2007 Logh aus Schweden sah und begeistert war. Es war etwas anderes, es war ruhig und zauberhaft und entzückend. Sie benutzten ausgefallene Instrumente und hoben sich ab von der Masse. Es war toll. Heute kommt es mir so vor, als gäbe es nichts anderes mehr. Hauptsache, man benutzt mindestens ein Instrument, das nicht jeder kennt. Hauptsache, man kommt aus Brooklyn. Hauptsache, man schreibt so verkopfte Texte, so dass sie keiner wirklich versteht und man eine Menge hineininterpretieren kann und als geheimnisvolles Genie gilt. Hauptsache, man sieht aus als würde man nie schlafen und lachen und stattdessen über das Leid der Welt nachsinnen. Die Männer: alle Vollbart, alle Holzfällerhemden. Die Frauen: alle zottelige Haare, die so aussehen, als ob man sich nie kämmen würde. Darin dann ein geflochtenes Band, entweder aus Leder oder güldener Kordel. Dazu ein Kleid über einer Leggins und Stiefeletten oder Ballerinas. Wenn ich hier „Alle“ schreibe, dann weiß ich, dass ich übertreibe. Aber eben leider nur ein bisschen. Wenn alle versuchen, so ausgefallen wie möglich zu sein, dann ist das genauso langweilig. Ich erinnere mich, wie ich den frisch gehypten Hans Unstern sah und nicht wusste, ob ich lachen, weinen oder mich einfach nur furchtbar fremdschämen soll. Ich schaute ins Publikum und war froh, dass es nicht mir allein so ging.

Es ist langweilig. Dabei mag ich die Musik. Meine Musiksammlung ist voll damit und wächst beständig. Höre sie gerne, wenn ich auf dem Sofa liege, dem Regen beim regnen zuhöre, meine Gedanken schweifen lasse, mein Glück fühle, grübeln muss oder einfach mal ganz leise sein will. Dafür ist diese Art von Musik wirklich gemacht.

Aber es gibt Tage, da möchte ich laut glücklich sein. Da möchte ich tanzen, Luftgitarre spielen, einen imaginären Schellenkranz schlagen, auf dem Sofa hüpfen und singen. Ich möchte lachen und tanzen. Die Faust in den Himmel recken und „Yeah“ rufen. Ich möchte nicht darüber nachdenken, ob gerade Robbenbabys geschlachtet werden und der Wald stirbt. Ich möchte nur einen Moment alles vergessen und wild sein. Und diese Musik fehlt mir, diese Musik, die ich nicht nur „nett“ finde, sondern „grandiosfantastisch“! Kopf aus, Herz an.

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15 Gedanken zu „it’s only rock’n’roll but I miss it

  1. Nothing left to say but: Amen!

  2. ann

    das kann ich auch so unterschreiben. gerade auch nach meiner erneuten enttäuschung über so manche neuerscheinung meiner „alten helden“. da bleibt einem manchmal halt nichts anderes übrig, als doch die alten scheiben aus dem regal zu ziehen, die hände zum himmel (oder zur zimmerdecke) zu heben und „all you good good people“ zu singen. 😉 …und hoffen, dass die nächste platte wieder besser ist.

  3. Meistens bekomme ich es nicht mal mit wenn die alten was neues rausbringen. :/ Aber ansonsten kann ich viele unterschreiben…
    Wobei ich glaube, dass viele ‚damals‘ ähnlich dachten, oder hatten etwa nicht alle Männer die gleiche Frisur? (ich sag nur ‚fringe‘ a la Brett oder dem Menswear-Sänger) trugen nicht alle Frauen schwarze Blusen und hatten so ähnliche Frisuren wie sie jetzt wieder in sind (vorner etwas länger, hinten kurz). Will mich da gar nicht rausnehmen *gg* Alles eine Frage der Perspektive.;)

  4. Man wird aber auch älter und möchte nicht mehr jede Indiepopsau durchs Dorf jagen… Ich wüßte z.B. nicht, ob ich eine neue „Ash“Band genau so gerne haben würde wie damals.

    Ich sollte mal wieder nach All you good good people suchen… ich war mal auf einem Konzert, wo das direkt im Anschluß, als die Lichter angingen, vom Band gespielt wurde. Es war mein Highlight des Konzertes 🙂

  5. Little James

    @ Airsign: sei froh 🙂
    Damals gab es Frauen?
    Ich glaube, das wird immer so sein.

    @ Markus: Man sollte mich vielleicht mal filmen, wenn ich zu „Girl from Mars“ rumspringe. Ich würde jede Band lieben, die so wäre. So alt bin ich noch nicht.

    Seit dem Moment als Danny McNamara meine Hand nahm bin ich ein anderer Mensch 😀

  6. Markus hat aber schon irgednwo, irgendwie recht. Oder um es anders zu sagen: man begeistert sich nicht mehr so oft, und wenn, dann wiederum oft „anders“ – ohne dass ich das jetzt näher beschreiben kann. Und man muss deshalb länger „suchen“, bis man einen Künstler/eine Band findet, die einen mal wieder vom Hocker haut. Klappt aber immer noch ab und an, zum Glück.

  7. Little James

    Ja, weil die Bands heute alle doof und langweilig sind. So! (Ostwestfälisches Argument mit zwei Buchstaben)

  8. Dann will ich nochmal Seb zur Seite springen: Fragt man mich nach meinen 10 Lieblingsalbum aller Zeiten, stammen die meisten davon bestimmt aus meiner Zeit als Jugendlicher. Bis mich heute was begeistert, dauert es. Vielleicht weil man mittlerweile schon so viel gehört, vielleicht weil man jetzt (in den modernen Zeiten) so viel hören kann (während man ja früher nur Radio (naja), Viva Zwei und seine eigenen CDs (und da kam nur alle paar Monate mal was dazu) hatte) oder vielleicht auch einfach weil die Bands heute alle doof und langweilig sind.

  9. Ich glaube, Lieblingsalben brauchen immer ihre Zeit. Es geht mir eher darum, dass sich so viel geändert hat. Aber es gibt ja auch heute noch Bands, die mich wirklich begeistern können. Ich höre Bonaparte und denke „JAAAAAAA!!!“ ich höre Fleet Foxes und denke „Nett“. Es fehlen mir einfach die „JAAAAA!!!!“-Bands derzeit. Das lösen dann doch auch eher die alten Alben aus. Ich vermisse die gute alte Zeit (ich werd alt).

  10. „Und man muss deshalb länger „suchen“, bis man einen Künstler/eine Band findet, die einen mal wieder vom Hocker haut. Klappt aber immer noch ab und an, zum Glück.“

    Kann ich so 100% unterschreiben.

  11. Ich habe es schon mal geschrieben, ich mag Deine Texte. Und dieser gefällt mir sehr gut.
    Bei weitem habe ich nicht so viele Konzerte besucht wie Du. Und seit einiger Zeit fehlt mir einfach die Lust dazu weiter Konzerte zu besuchen.
    Was die Enttäuschung vieler neuer Alben „alter Helden“ angeht, so kann ich Dir da nur zustimmen.
    Wenn ich meinen Weg zu einer Rockband gefunden habe, dise lieben und schätzen gelernt habe, dann will ich nicht hören wie dann auf einem Album mit elektronischen Sounds herumexperimentiert wird.
    Ich mag es nicht wenn liebgewonnene Gruppen sich plötzlich neu finden oder weiter entwickeln wollen.
    U2 waren da sehr extrem Ende der 80’er.
    Midnight Oil fingen da auch langsam mit an, und so war die Enttäuschung dann nicht so groß, wie sie sich auflösten (aber ich vermisse sie dennoch ganz schön).
    Ich persönlich habe den Eindruck, es kommt kein passender Nachfolger für „alte“ Bands, deren Stern langsam sinkt. Stattdessen hört man von überall nur noch Allerweltspop und so Casting- gedöns. Das irritiert mich irgendwie und macht auch Angst.

  12. Ach ja…. soche Phasen kenne ich auch, Kommen immer wieder mal vor und irgendwann ist es halt so, dass die „alten Helden“ druch neue ersetzt werden.

    Ach ja, zu meinen Lieblingsalben gehört kaum eins aus meiner „Jugend“. 😉

  13. Seb

    Kommt ja auch drauf an, wie man Jugend eingrenzt. 😉

    Und was ist mit Lieblingsalben, die schon vor der eigenen Geburt aufgenommen wurden? Oder zählt das im weitesten Sinne auch zur Jugend? 😉

  14. „stammen die meisten davon bestimmt aus meiner Zeit als Jugendlicher“ das meint für mich Besitz und nicht Entstehung 😉

  15. Kann ich alles so unterschreiben, ja.

    Bei mir hilft es in der Regel, einfach mal was … anderes zu hören, mal aus dem Indie-Ghetto auszubrechen in dem man sich wohlfühlt und vielleicht mal ein paar Stunden Bebop zu hören. Oder mit dem Bruder zum D.O.A. Konzert zu fahren.

    Klingt furchterregend.

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