ömür boyu mutluluklar diliyorum

Meine liebste Kollegin ist Türkin, was bedeutet, dass ich regelmäßig Börek und Baklava bekomme und ich brockenweise türkische Vokabeln dazu lerne. Und ich lerne die türkische Kultur kennen, türkische Hochzeiten zum Beispiel. In diesem Fall war es dann sogar ihre Hochzeit. Die war gestern und sprengte meinen Vorstellungsrahmen gewaltig. Sie hatte mir erzählt, was auf mich/uns zukommen wird, so dass ich nicht ganz unvorbereitet war. Aber was dann geboten wurde, war größer, gewaltiger und noch viel besser als ich mir gedacht hatte.

Rund 800 Gäste, das ist ja schon mal nicht ohne. Angst vor Menschenmassen darf man da nicht haben. Und mit wild rumlaufenden Kindern darf man auch keine Probleme haben. Die wirkten zum Teil etwas unkontrolliert, davon abgesehen, dass man fast meinen könnte, ausnahmslos alle türkischen Kinder seien übergewichtig. Glücklicherweise konnten wir dann aber noch feststellen, dass das nicht so ist. Am besten gefiel mir das Mädchen, welches mit den Haaren in meinem Armband hängen blieb, aber einfach weiterlief. Ohne Rücksicht auf Verluste.
Natürlich feiert man eine Hochzeit mit 800 Leuten nicht in einer Gaststätte, da muss schon was größeres her. Nachdem ich im Frühling noch scherzhaft das Gerry Weber-Stadion vorgeschlagen hatte, wurde es dann tatsächlich ein Saal in dieser Stadt. Das ist eine ehemalige Fabrikhalle, so ein wenig besitzt sie auch noch diesen Charme, aber sie ist halt groß genug für türkische Hochzeiten. Konzerte könnte man dort sicherlich auch stattfinden lassen, aber man hat sich halt auf Hochzeiten spezialisiert.

Ich habe das Rätsel gelöst, warum auf türkischen Hochzeiten so viel getanzt wird: man möchte einfach alles ausschwitzen und niemals auf Toilette gehen müssen. 800 Gäste. Davon mindestens 400 Frauen. Und es gab 3 Frauentoiletten. 2 davon konnte man abschließen. Und ganz ehrlich, ich war schon auf schöneren Bahnhofsklos. Davon abgesehen, dass es wohl üblich ist, dass man sich dort zum Quatschen, Nachschminken und Rauchen trifft. Ne, bei dem Wetter wollte ich auch nicht raus. Aber nachdem ich dann doch einmal dort hin musste (traf dort die Schwester der Braut und bekam Desinfektionsmittel mit), roch ich wie nach dem Besuch einer spelunkigen Bahnhofskneipe. Ich entschied mich fürs Tanzen und ausschwitzen. Die Braut selbst schaffte es übrigens, den ganzen Abend dieses weniger stille Örtchen nicht einmal betreten zu müssen. Ihr Glück.

Einer der großen Unterschiede zwischen deutschen und türkischen Hochzeiten ist, dass das Essen eher eine Nebensache ist. Klar, bei der Masse an Gästen kann man da auch eigentlich nicht viel erwarten. Draußen vor der Halle (in Halle) stand ein überdimensionaler Hähnchengrillwagen. Jeder bekam dann später 1/2 Hähnchen mit Pitabrot und etwas Gemüse. Merke: niemals als Vegetarier dort hingehen. Die wären nicht satt geworden. Aber ich glaube, das Wort Vegetarier gibt es im türkischen auch gar nicht.

Wunderbarerweise blieben wir von schlechter Musik und lächerlichen Hochzeitsspielen verschont. Stattdessen wurde getanzt. Auch Ostwestfalen können sich davon begeistern lassen und ich selbst fühle mich ja auf der Tanzfläche zuhause. Einige Lieder kannte ich noch von meiner wilden Zeit in der Bahnhofsgegend, wo fast alle meine Nachbarn Kurden waren und im Kulturzentrum hinter meinem Haus auch die ein oder andere Hochzeit gefeier wurde. Außerdem bin ich ja ein großer Freund von Musik, die vom Balkan kommt. Türkische Musik gehört da natürlich auch mit zu. Gut, einiges erinnerte schon an Kirmes-Techno, aber die Masse um einen herum konnte einen schon mitreißen. Diese Masse konnte dann locker auch nebenbei mal das Brautpaar in die Luft werfen – eine Tradition, auf die ich verzichten könnte, vor allem, wenn ich ein Brautkleid tragen würde.

Die Geschenkeübergabe wurde von einem Mann moderiert, der ein wenig wie Öcalan aussah und vermutlich Entertainer oder sonst eine Größe im türkischen Fernsehen ist. Singen konnte der nämlich auch noch, wie wir später feststellten. Und moderieren. Das Brautpaar, die Brautführer und die Eltern stellten sich brav in einer Reihe auf und wurden mit Gold behängt und bekamen größere Scheine in ein Körbchen gelegt. Ganz schnörkellos wurde da einfach die Geldbörse gezückt und die Scheine herausgeholt. Der Moderator sagte dann an, wer der Schenker ist und auch, was man da genau schenkt. Wir hatten eine Schatzkiste gepackt und konnten deren Inhalt nicht so recht beziffern. Jeder gab halt, was er wollte. Öcalan hat das dann aber auch ganz charmant gemeistert und wir einigten uns darauf, dass es halt „eine Überraschung“ sei. Das Geschenk wanderte zu den anderen und wir herzten die aufgereihten. Wir Ostwestfalen, die keine fremden Menschen anfassen mögen. Geschweige denn küssen. Braut und Bräutigam, das hatte ich mir vorher schon geschworen, sollten die einzigen (einigermaßen fremden) Menschen sein, die an diesem Abend von mir geküsst werden. Glücklicherweise sahen meine Arbeitskollegen das genauso wie ich, und andere auch, wie wir dann noch erleichtert feststellten. Händeschütteln und ganz fest nicht an irgendwelche Grippeviren denken reicht halt manchmal auch.

Und dann wird weiter das Tanzbein geschwungen. Lassen wir die Hüften kreisen und die Schultern auch, und ach, ihr wisst ja, wie das so aussieht. Wer nicht, der kann fragen, ob er das Hochzeitsvideo sehen kann. Der Festsaal hatte eine eigene Filmproduktion und der Kamera, die den kompletten Abend an einem Kran über der Tanzfläche kreiste, entging vermutlich nichts. Ob das Video jemals jemand sehen wird, bezweifele ich. Aber so konnte zumindest auch alles noch auf einer Leinwand übertragen werden, damit auch die Gäste auf den billigeren Plätzen weiter hinten noch alles sehen konnten. Vermutlich gibt es auch einen türkischen Hochzeitssender, auf dem alles live übertragen wurde.

Noch ein paar weitere kleine Traditionen folgten (wie der Kuss, nachdem Braut und Bräutigam einen Löffel Honig gegessen hatten) und ich wünschte, ich hätte Zettel und Stift gehabt um alle Fragen aufzuschreiben, die ich meiner Kollegin noch stellen wollte. Die Zeit verging an dem Abend jedenfalls recht schnell, es war nicht schlimm, dass es keinen Alkohol gab, musste man sich ja auch gar nichts schön trinken, weil niemand den Pur-Party-Remix auflegte oder wir sonst welche Grausamkeiten ertragen mussten. Es war einfach ein rauschendes Fest. Während die Kinder noch mit ihren blinkenden Plastikwaffen (die konnte man da kaufen. Für mich die Geschäftsidee des Jahrzehnts!) spielten, wurde es Mitternacht, es waren nur noch so rund 200 – 300 Gäste da, und die siebenstöckige Hochzeitstorte kam herein. Oh, war die lecker, gut, dass wir noch so lange gewartet hatten.

Und dann noch ein wenig tanzen und dann aber heim. Meine Füße taten schön weh. Der Regen erinnerte uns daran, dass wir ja doch in Ostwestfalen waren. Was ein Glück für mich, dass man(n) eine wärmende Jacke für mich übrig hatte. Im Winter heiraten ist eine doofe Idee.

Eigentlich kann ich mich ja für den Gedanken irgendwann mal selbst zu heiraten, nicht so wirklich erwärmen. Eins weiß ich jetzt aber sicher: niemals nie wird das solch ein Fest wie gestern. Wenn überhaupt, dann im kleinen Kreis. 800 Gäste würden mich in den persönlichen Wahnsinn treiben. Sollte ich aber mal wieder auf eine türkische Hochzeit eingeladen werden, dann sage ich ohne zu zögern zu. Denn es war die außergewöhnlichste Hochzeit, die ich jemals erlebt habe.

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Kategorien: Love is all around | Schlagwörter: | 3 Kommentare

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3 Gedanken zu „ömür boyu mutluluklar diliyorum

  1. Wow das ist ja mal ein sehr interessanter und informativer Bericht. Ich lese gerne sowas, da ich mich ja immer frage, wie solche Feierlichkeiten in anderen Kulturkreisen von statten gehen. Aber Wahnsinn! 800 Gäste!! Das ist ja schon extrem! Und dann die Sache mit der Toilette und dem Hähnchenwagen, kicher.. sehr herrlich! Aber bestimmt auch ein Erlebnis sowas mal mitgemacht zu haben.. Ich finde im Winter heiraten übrigens überhaupt nicht doof. 😉 Sommer kann doch Jeder! 😉

  2. Die „Türkische Hochzeit Experience“ fehlt mir ganz klar bisher – meine Freunde heiraten eigentlich nie, dieses Jahr war ich das erste mal seit zirka 15 Jahren auf einer solchen Veranstaltung. Eher untürkisch, allerdings.

  3. Ich bin jetzt ein großer Fan von türkischen Hochzeiten. Je länger ich darüber nachdenke, desto besser gefiel es mir 🙂 Den ganzen albernen Quatsch weglassen und einfach mal ein rauschendes Fest feiern! Sowas gefällt mir! 🙂

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