Wut im Bauch

Nach der Arbeit im Bus. Glücklicherweise steige ich schon vor der „Haupt“-Bushaltestelle der Stadt ein, so bekomme ich immer einen Sitzplatz auf dem Rückweg, bevor die Menschenmassen in den Bus drängen. Eigentlich auch blöd, ich sitze ja schließlich fast den ganzen Tag. Und ich fahre auch nur fünf Stationen. Aber ich freue mich immer über einen Sitzplatz im Bus. Musik rein, Augen zu und nach Hause fahren.

Es gibt Menschen, die kann man riechen bevor man sie sieht. Der alte Flaschensammler heute im Bus, der war so ein Mensch. Er roch nach wochenlang nicht gewaschen. Nach Zigaretten. Und Alkohol. Und nach Plastiktüten. Die trug er bei sich, vier große Tüten, gefüllt mit leeren Pfandflaschen. Die Menschen rücken von ihm ab und direkt vor meinem Sitzplatz bleibt er stehen. Er ist wirklich schon sehr alt. Ich sollte ihm meinen Platz anbieten. Die Frau, die neben mir sitzt, würde mich dafür hassen. Es sind eigentlich auch noch genug Sitzplätze frei und ich steige ja eh gleich aus, dann kann er sich ja wirklich setzen, wenn er möchte.
Vier Tüten Flaschen…hat er jetzt auch Feierabend? Bringt er sie jetzt weg und wird dann das Geld zählen? Er riecht wirklich sehr sehr unangenehm und ich versuche, nicht durch die Nase zu atmen. Warum nur bin ich so geruchsempfindlich?

In einer Kurve kippt eine seiner Tüten um. Leere Flaschen kullern durch den Gang und dazu noch kleinere Plastikbehälter. Verdammt. Reflexartig gucke ich…weg. Wie alle anderen auch. Schlagartig schaue ich aus dem Fenster. Bemerke aber wie der alte Mann im fahrenden Bus versucht, sich zu bücken und das kaum schafft.
Ich kann das nicht. Stehe auf und helfe ihm. Ein einziger anderer junger Mann hilft mir dann noch dabei. Alle anderen starren weiter aus dem Fenster. Es sind viele Flaschen, doch wir schaffen es bevor ich aussteigen muss. Der jüngere Mann schaut mich an. Danke, murmelt er. Ich nicke nur. Zuhause wasche ich mir fast zehn Minuten lang die Hände.

Manchmal, da bin ich so wütend auf diese Welt, das kann ich kaum in Worte fassen.

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Kategorien: I hope, I think, I know | Schlagwörter: | 13 Kommentare

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13 Gedanken zu „Wut im Bauch

  1. Pingback: Zitat des Tages : powerbook_blog

  2. Pingback: *indigoidian.de* » Blog Archive » Wut im Bauch

  3. Pingback: Anonymous

  4. Die Wut kann ich gut verstehen, es sind aber Menschen wie Du und Dein Helfer und eben diese kleinen Gesten, die mir helfen nicht an der Menschheit zu verzweifeln.

  5. Pingback: Neue Westfälische - Blogspot

  6. Tolle Aktion!
    Kürzlich waren meine Freundin und ich bei Burgerking. Wir sahen einen älteren verwahrlosten Mann, der alle abgestellten Trinkbecher nach was Trinkbarem durchsuchte. Das war ganz schön traurig. Ich kaufte ihm eine Cola. Als er wieder draußen saß gab ich sie ihm. Er bedankte sich artig. Danach fühlte ich mich gut.

  7. Little James

    Zunächst einmal: die Ausmaße des Feedbacks heute berühren mich sehr. Eigentlich würde ich mich selbst nie als wirklich guten Menschen bezeichnen. Aber diese Kleinigkeiten im Alltag, die machen scheinbar viel mehr aus als ich bisher angenommen habe. Die Kassiererin anlächeln, Türen aufhalten usw. das sind für mich eigentlich Selbstverständlichkeiten. Und mir ist auch bewusst, dass man gerade in diesen Tagen vermehrt darüber nachdenkt, wie die Gesellschaft miteinander umgeht.

    Denkt mal darüber nach: in den kleinen Lebenslagen helfen, das kann jeder.
    Nur die Wut, die bleibt, irgendwo ganz tief in mir. Sie hilft mir, das Leben hier zu überstehen.

    Danke.

  8. coachingtime

    Es ist einfach schön, dass es noch ein paar Menschen gibt, die diesen einen Schritt mehr machen. Oder einfach nur ein Wort zur richtigen Zeit sagen. Wir wissen niemals was dieser eine Schritt oder dieses eine Wort in einem Anderen Menschen auslösen können. Vielleicht eine ungeahnte Lawine…….Deshalb Danke an Dich und an Deinen Seelenkumpel.

  9. jazariel

    Hmmm nunja ich frage mich wann Du auch erkennst wieso Du so erschöpfst im Bus liegst oder warum der gute Mann soviele Flaschen sammeln muss. 😉

  10. coachingtime

    Tja who knows??? Alles nicht so einfach wenn man es doppelt nimmt….

  11. Kann ich gut verstehen…. Aber wenigstens du hast ihm ja geholfen … und der jüngere Mann

  12. @jazariel: ich bin nicht erschöpft. Ich bin nur ein faules Stück, das kein Bock auf Stehen hat. Von den Kräften her könnte ich sogar nach Hause joggen.
    Und auf den Flaschensammler bezogen: dass es solche Menschen überhaupt gibt, das ist Teil meiner Wut.

  13. Zwei Jugendliche erpressen in einer S-Bahn mehrere Jugendliche wegen 15 Euro. Ein Mann stellt sich in den Weg und beschützt die Kinder. Später wird er von den beiden Jugendlichen tot geschlagen, während 15 bis 20 Menschen zuschauen oder weg schauen. Eine Geschichte? Leider nein, bittere Realität.

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