Gewohnheiten

Der Mensch ist ja ein Gewohnheitstier. Aber wie schnell man sich an eine neue Umgebung gewöhnt, das merkt man (ich zumindest) nach einem Urlaub. Auf jeden Fall nach einem Urlaub, der in ein Land ging, das sich doch deutlich von der Heimat unterscheidet.
Dabei hatten wir „Glück“. Im Polenviertel von Brooklyn gab es Vollkornbrot. Thank God. Es gab sogar Hochlandkäse.

Und doch Unterschiede. Gechlortes Leitungswasser. Das hat mich gestört. Ich dachte die ersten Tage beim Zähneputzen wirklich, ich muss würgen. Doch nach zwei Wochen habe ich es kaum noch gemerkt. Öffentliche Toiletten sind merkwürdig in den USA. Zwischen Tür und Wand ist ein ungefähr fingerdicker Spalt, so dass man sich die Tür im Prinzip schon fast sparen könnte.

Wieder zuhause denke ich: wie leise es hier überall ist. Und wie gemütlich. Kein Stress, kaum Hektik. Kein Kälteschock, wenn man ein Gebäude betritt (Klimaanlagenterror). Keiner fragt einen, ob man aus Deutschland kommt und erzählt dann gleich, dass man ja selbst mal dort war oder zumindest Verwandte/Freunde hatte, die mal dort waren. Überhaupt redet kaum jemand mit einem. Im Supermarkt muss man selbst seine Einkäufe wieder in die Tüten packen. Und beim Trinkgeld rundet man einfach irgendwie auf. Synchronisierte Serien klingen noch merkwürdig. Es ist ganz schön kalt in Deutschland. Und teuer. Als ich heute Abend einen Busfahrer einer für mich fremden Linie fragte, wo er langfährt, da brauchte ich einen Moment, um mich zu orientieren. Aber man weiß automatisch, welche Viertel man eher meidet und läuft so nicht versehentlich in ein eher armes Viertel, wo man als blonde Frau eine deutliche Minderheit bildet. Mir fehlen manchmal deutsche Wörter, um Dinge vom Urlaub zu erzählen. Ich schließe die Haustür nicht ab. Nachts fühlt man sich einsam auf Straßen und dieses „Gefahr“-Gefühl ist tatsächlich ein wenig stärker auf dem Nachhauseweg. Ich warte wieder an roten Ampeln. Starbucks gibt es in Bielefeld nicht. Dafür Schnaps aufs Haus in der Stammbar. Menschen, die sich freuen, dass man wieder da ist. Geschichten, die erzählt werden und noch erzählt werden müssen. Musik, die gehört werden muss. Schuhe, die eingelaufen werden müssen.

Ein Festival, das auf mich wartet. Die Zeit zuhause ist nur kurz, morgen geht es schon weiter, an den Niederrhein. Neues entdecken, neue Geschichten erleben und sogar neue Menschen kennen lernen. Ich freue mich. Der Urlaub war schön, aufregend, entspannend und zum Teil sogar erkenntnisreich für mich. Ich hatte Zeit zum Nachdenken, zum Rumlaufen, zum Fotografieren und zum Lesen. Ich habe kaum Jetlag, aber so richtig „da“ bin ich noch nicht. Es gibt Dinge, die fühlen sich fremd an. Meine Wohnung roch fremd, obwohl es der typische Altbaugeruch ist, den sie immer hat. Vielleicht ist es nächste Woche anders, wenn ich Sonntag vom Haldern Open Air zurück komme und dann auch wieder arbeiten muss. Wenn der Alltag mich und ich ihn findet. Wenn die Schuhe nicht mehr drücken, Arminia sich in die erste Klasse spielt, ich vierzig Stunden in der Woche im Büro sitze, die Theaterproben wieder beginnen und ich einfach weitermache.

Erinnerungen kann einen niemand nehmen. Gewohnheiten ändern sich nicht. Man passt sie nur ein wenig an.
Leaving New York never easy, I saw the light fading out.

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Kategorien: me, myself & I | Schlagwörter: | 4 Kommentare

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4 Gedanken zu „Gewohnheiten

  1. Wunderschön geschrieben. 🙂

  2. Willkommen zurück. Ich habe schon ein wenig Deine Beiträge vermisst.
    Bin gespannt was Du noch so zu erzählen hast von Deinem NY Ausflug.

  3. schueli

    mal eben so einiges auf den punkt gebracht.. fein, fein!

  4. Pingback: MegGyver » Fakten #3

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