Dekadance

Ich tanze nicht in den Mai. Das habe ich noch nie getan. Vor einigen Jahren war ich in der Nacht zum ersten Mai mal im Bielefelder Stereo und es war grauenvoll. Für mich ist das ganz einfach eine Nacht vor einem Feiertag, dessen Sinn darin besteht, dass ich frei habe, also hemmungslos Zeit vertrödeln kann. Deswegen verbrachte ich den Donnerstag Abend so, wie eigentlich jeden Donnerstag Abend: nach meiner Theaterprobe – immerhin, da haben wir zu James Brown getanzt – fast direkt zum Cocktails trinken. Mit dem Unterschied, dass wir nicht auf die Uhr schauen mussten, weil ja niemand am nächsten Morgen früh raus musste. Tanzfrei ging es dann auch recht früh nach Hause und als ich in der Stadt an mehreren total betrunkenen Vollidioten vorbeiradelte war ich ganz froh, dass ich mir dieses fragwürdige Spektakel gespart hatte. Ich tanze nicht in den Mai und ich will auch keinen Maibaum. Das ist für mich so eine Tradition wie Schachtelkränze oder Rathaustreppen fegen.

Am 1. Mai sind im Ravensberger Park, der ja in Sichtweite meiner Wohnung liegt, Großkundgebungen. Der Wind stand ungünstig und ich konnte fast alle Parolen verstehen. Dabei wollte ich nur rumgammeln und abschalten. Und keine Steine werfen. Schimpft mich unpolitisch und desinteressiert. Es ist mir egal. Ich wollte einen schönen Tag verbringen. Also verließ ich das Haus am Nachmittag und kehrte erst elf Stunden später wieder heim. Diese Zeit nutzte ich dafür um möglichst viel Geld in möglichst amerikanische Lebensmittel zu investieren. Ob die im Park auch einen Frozen White Latte getrunken haben? Bestimmt nicht. Statt Steine werfen habe ich auf Steinen gesessen. Zuerst auf der Steintreppe vor dem Theater am Markt. Und dann später noch mit Pizza und Bier auf den Steinen vom Siegfriedplatz. Viel zu friedlich gestimmt war ich für Klassenkampf oder Aufbegehren.

Natürlich darf die örtliche Gastronomie sich auch weiterhin über meine finanzielle Unterstützung freuen, und auch gestern Nacht hat unser „Wohnzimmer“ dann noch enorm von meiner kapitalistischen Feiertagslaune profitiert. Gemeinsam sind wir stark. Oder so. Ausklingen durfte der Abend vorm größten Fast Food-Anbieter der Welt, wo Fräulein Rotten-Meier schwesterlich ihre Pommes mit mir teilte, nachdem wir den Genossen aus Brackwede verabschiedet haben.

Nach Hause tapsen, in der Nacht. Das Geld, das eigentlich fürs ganze Wochenende reichen sollte, an einem Tag aufn Kopf gehauen. Aber die blühenden Bäume duften ganz wunderbar. Gebrannt hat gestern nur die Sonne. Geworfen wurden nur Blicke und vielleicht noch dummelustige Sprüche. Ich mag Feiertage. Immer wieder, egal welchen.

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Kategorien: Augenzwinkern, me, myself & I | Schlagwörter: , , | 3 Kommentare

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3 Gedanken zu „Dekadance

  1. Aus ˈbraːkvedə oder brakˈveːdə ? 😉

  2. 🙂 Ich halte mich aus dieser Diskussion raus…

  3. Ich habe auch mein ganzes Geld für das Wochenende bereits am Donnerstag ausgegeben. Soviel zur Budgetplanung…aber ich war seit Jahren nicht in den Mai tanzen. Auf dem Kiez war ganz durchgeknallte Stimmung…wir brauchen wirklich mehr Feiertage, das würde in gewisser Hinsicht die Volkswirtschaft auch voranbringen 🙂

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