Ostwestfalen im Ruhrgebiet

Eine Reise. Eine Zeitreise.

Die Grugahalle in Essen wurde in diesem Jahr 50 Jahre alt und zu diesem Anlass veranstaltete der WDR Rockpalast dort gestern ein kleines Festival. Da Travis als Headliner angekündigt wurden und auch Ben Folds in unserer Gunst recht weit oben steht, sind meine Schwester, zwei Freunde von uns und ich gestern den Weg nach Essen angetreten, um dieses Konzert zu erleben.

Ich selbst war noch nie zuvor in der Grugahalle gewesen, und mein letzter Besuch in Essen liegt auch schon einige Jahre zurück. Das Ruhrgebiet ist ja eine Region, die man als Ostwestfale lieber dezent umgeht. Obwohl wir im gleichen Bundesland leben, liegen ganze Welten zwischen uns. Für mich persönlich ist das Ruhrgebiet vor allem: dreckig und grau. Die Autobahnen führen direkt an Häuserfronten vorbei, die Schallschutzmauer dazwischen ist ein Witz. Nicht für Geld möchte ich da wohnen. Und die Leute! Gut, es gibt auch bestimmt normale, nette, zivilisierte Menschen dort. Meine Blogroll zeigt mir ja auch, dass dort nicht nur „Busfahrer“ leben. Doch der Klischee-Potter läuft dir alle zwei Meter über den Weg: Oberlippenbart, schlecht sitzende Jeans, VoKuHiLa, das Handy am Gürtel, Pornobrillen und einen Schalke-Aufnäher auf der Jeansweste. Hilfe. Ich frage mich, woran das liegt?! Ist ein Teil der Menschheit dort immer noch in der Zeit stehen geblieben, als das Ruhrgebiet boomte, und hat sich seitdem nicht mehr weiterverändert? Bodenständig, so bezeichnen sie sich. Für mich ist das Verhalten aber befremdlich. Ich möchte nicht „angekumpelt“ werden, von mir vollkommen fremden Menschen. Besser nicht angesprochen, und auf keinen Fall angefasst werden! Wenn Leute, die ich gerade mal erst zehn Minuten kenne, ihren Arm um mich legen, dann schrillen bei mir sämtliche Alarmsirenen. Never. Gaaaanz selten.

Wir werden also nicht so richtig warm, wir Ostwestfalen und die Ruhrpotter. Doch so einen Abend in der Fremde, den überleben wir natürlich! Bezaubernd der Parkplatzanweiser, der mich dazu zwang, genau zwischen den zwei einzigen anderen Autos dort zu parken, obwohl noch ungefähr 70 weitere Plätze frei waren. Oder die Security-Kraft, die meiner Schwester ihre Handcreme abgenommen hat (warum sie die dabei hatte, ist wohl ein anderes FrauenThema), weil das ja quasi eine Mordwaffe ist. Die lustigen gestreiften Uniformen, die die Angestellten in der Grugahalle trugen. Der kleine Imbiss in der Halle, der außer ein (!) halbes Brötchen mit Käse nicht ein einziges fleischfreies Gericht anbot.

Bis auf die Toiletten schreit in der Grugahalle alles „wir sind 50 Jahre alt!“. Außerdem riecht es merkwürdigerweise nach Sauerkraut. Wir schwankten zwischen enormer Begeisterung und Belustigung. Einen Großteil des Abends haben wir jedenfalls damit verbracht, die Leute anzuschauen. Herrlicher Pausenfüller. Überraschend hoch war übrigens das Alter des Publikums. Weiß jemand, ob es eine Art „Grugahallen-Abo“ gibt?

Natürlich weiß ich, dass auch wir Ostwestfalen eine Menge Gelegenheit dazu geben, den Kopf zu schütteln. Und dass man uns und unsere Art nicht verstehen kann oder möchte. Ich weiß auch, dass wir stur und unfreundlich wirken, weil wir eben nicht mit Fremden groß reden und niemand erwartet, dass man beim Bäcker ein extra Lächeln bekommt. Doch wirft man Ostwestfalen vor, dass es provinziell sei. Aber dort, im Ruhrgebiet, da steht seit einigen Jahrzehnten scheinbar die Zeit still. Seit 50 Jahren. Fast ein bisschen rührend.

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Kategorien: our night out | Schlagwörter: , , , | 8 Kommentare

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8 Gedanken zu „Ostwestfalen im Ruhrgebiet

  1. hehe, ja,ja, eure lieben bäckereifachverkäuferinnen 😀

  2. Ja wir hassen (Rot Weiß) Essen ♫summ♫

  3. froilleinmuh

    Du hast teilweise Recht. Aber ich als Essenerin muss ja ein bisschen Partei ergreifen für meine Stadt 😉 Was für dich ein No Go ist, ist für mich ganz wunderbar, dieses Kumpelhafte. Wenn ich in den Norden fahre, schüttelt es mich immer wieder, wie stur und dickköpfig es dort zugeht. Und es gibt ja nicht nur die SchnurriVoKuHiLa Fraktion, sondern so ein Sahnestückchen wie mein Liebster schwirrt hier auch rum 😉
    Wo ich dir Recht gebe, ist das graue. Das stört mich auch sehr. Da bin ich aber auch verwöhnt, dadurch dass ich in Schleswig- Holstein aufgewachsen bin. In der Gruga Halle selber war ich glaub ich noch nicht, aber den Gruga Park kann ich empfehlen 😉
    Mensch, da warst du gestern nur ca. 2 km von mir entfernt 🙂

  4. Herjeh, was Du über die Ostwestfalen geschrieben hast, beschreibt in etwa auch mich.
    Liegt Iserlohn gar in Ostwestfalen und mein Vater, der ja aus Iserlohn stammt, hat mir diese Veranlagung mit in die Wiege gelegt?

  5. dieschoenheitderchance

    @ me: die sind nicht unfreundlich. die sind…wortkarg 🙂

    @ bateman: ich dachte, wir hassen prxxxxn münster und die ruhrpott-mafia?

    @ froillein muh: ich glaube ja auch, dass es nette, „normale“ einwohner gibt 🙂 aber warum verstecken die sich denn immer?

    @ andiberlin: nein, das liegt nicht in ostwestfalen. das ist schon eher im ruhrgebiet. irgendwas passt da nicht mit dir…

  6. hehe, du sprichst das aus, was ich schon immer geahnt habe! 🙂
    Schade, dass keine Bilder deinen Post untermalen *grins*

  7. Da kann ich dir nur zustimmen, in Bielefeld ist es eben doch am schönsten! 😉

    Viele Grüße vom teuto-card-Team

  8. Man sieht nur, was man sehen will, sage ich mal als Ex-Bochumer und an der A40 ist nunmal nicht die beste Wohnlage. 😉
    Aber Du hast schon Recht. Den Ruhrpottler a la Atze Schröder gibt es wirklich, manchmal auch in Horden. 🙂
    Komischerweise ist Travis eigentlich nicht so das Genre dieser Gattung, wohl aber vielleicht der WDR Rockpalast.

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