Stärke

Ich bin stark. So sehe ich mich zumindest selbst. Oder anders: ich habe ein seeeehr ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Und viele in meinem Umfeld bestätigen mir das regelmäßig. Wenn mir irgendwas passiert, was scheißenicht so toll ist, dann überwinde ich das recht schnell. Ich ärgere mich oder bin traurig. Ich rede mit meinen Freunden oder meiner Mutter über meine Probleme und Gedanken, aber ich berappele mich dann auch sehr schnell wieder und versuche, einen Haken hinter die Sache zu setzen. „Steh-Auf-Mädchen“ nennt eine Kollegin mich. Während andere sich noch lange im Selbstmitleid suhlen oder das Problem von vielen verschiedenen Seiten ausgiebig betrachten, versuche ich eher, das alles schnell wieder loszuwerden. Das wird schon wieder. Optimistin aus Leidenschaft.

Außerdem rege ich mich nur selten über etwas auf. Ich sage mir dann, dass das auch nichts ändert, außer, dass ich vielleicht ein Magengeschwür bekomme. Das lohnt sich nicht, nur weil mich jemand im Supermarkt angerempelt hat. So bedenke ich so einiges nur mit einem Schulterzucken, was bei anderen schon zu geschwollenen Halsschlagadern führt. Auf manche wirkt das wie Arroganz. Ich nenne es Gelassenheit. Nachtragend bin ich übrigens auch nicht. Es gibt niemanden, den ich wirklich abgrundtief hasse oder verabscheue. Und es gibt halt auch wenig, was ich lange mit mir rumschleppe.

Anderen geht das nicht so. Das weiß ich. Und ich möchte auch wirklich nicht tauschen. Ich sehe, dass andere sich selbst quälen, dass Probleme sie einfach nicht loslassen und auch, dass es zu viel wird. Zu viel, um das alles allein zu verkraften. Zu viel. Das sind die Momente, die mich belasten, die mich wirklich ratlos und traurig und wütend zugleich machen. Weil ich einfach nicht weiter weiß. Weil Leute, die mir so unendlich viel bedeuten – meine „richtige“ Familie oder Freunde – nicht das Leben führen können, was sie eigentlich in meinen Augen verdient hätten. Ich bin hilflos. Komme da nicht weiter mit einem „Das wird schon!“, weil das einfach viel zu wenig ist. Liege also nachts wach, weil ich helfen möchte und vermutlich nicht helfen kann. Manchmal reicht es, wenn man jemanden in den Arm nimmt. Manchmal nicht. Manchmal reicht es, wenn jemandem aufmerksam zuhört. Manchmal nicht. Ich kann nur sagen „Ich bin immer für dich da.“ Aber ob es wirklich ankommt, weiß ich nicht.
Und das bringt mich ins Grübeln. So belastet es mich mehr, wenn es anderen schlecht geht, als wenn es mir selbst schlecht gehen sollte.
Ich habe allerdings auch nicht das Gefühl, dass ich nur an das Wohlergehen anderer und nie an mich selbst denke. Im Gegenteil denke ich, dass ich häufig zuerst an mich selbst denke. Aber für meine Familie und meinen Freundeskreis würde ich zum Beispiel auch mitten in der Nacht aufstehen und zu ihnen fahren. Das gehört für mich zu Freundschaft dazu.

Wenn ich so sehe, dass manche unter ihren Problemen zusammenbrechen und nicht mehr weiter wissen, dann frage ich mich, ob es bei mir wohl auch irgendwann so weit kommt, oder ob ich weiterhin so stark bleibe wie ich bin. Ich habe ja auch durchaus schon einiges mitgemacht und sogar meine Mutter hat vor einigen Monaten mal vorsichtig angefragt, ob es nicht vielleicht doch ganz gut wäre, mal eine Gesprächstherapie zu machen. Nicht, weil sie mich für verrückt hält, sondern weil sie sich Sorgen macht und nicht möchte, dass Geschehenes unverarbeitet bleibt. Ich habe gelacht und gesagt, dass ich es schon schaffen würde. Und das fühle ich auch immer noch. Aber bin ich vielleicht nur eine große Meisterin im Verdrängen? Wird auch bei mir irgendwann der Zeitpunkt kommen, wo alles zu viel wird?

Wie schön wäre es, wenn ich meine Stärke und mein Selbstvertrauen in kleine Tüten packen und es an andere weiter verschenken könnte, die es auch oder sogar noch mehr bräuchten. Ich würde sofort auf ein bisschen verzichten, wenn andere dadurch gestärkt würden. Und einen kleinen Teil würde ich gut weglegen. Für mich. Für schlechte Zeiten.

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Kategorien: I hope, I think, I know | Schlagwörter: | 6 Kommentare

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6 Gedanken zu „Stärke

  1. superlupo

    ein „ich bin immer für dich da“ ist in der heutigen zeit nicht mehr selbstverständlich. das ist die die tüte die du weiter gibst bzw. verschenkst!

  2. Superlupo hat Recht.
    Weißt Du, ich verrate Dir etwas: Dieser Text passte auf mich. 150% passten auf mich. Bis vor ca. 2 Monaten, da merkte ich zum ersten Mal, dass auch mein Akku (damit meine ich nicht nur Energie, sondern diese Selbstheilungsfähigkeit, die Du so ausgeprägt zu haben scheinst und die auch ich in Massen hatte) rot blinkte. Er tat das mit voller Wucht. Kabooom, mitten auf die 12.

    Doch nach 2 Monaten im 1-2. Gang bin ich wieder da. Bereit. Und doch oftmals hilfs- und bewegungslos, denn durch manche Dramen müssen unsere Liebsten selbst durch.
    Und wie Superlupo schreibt: Die Tüte … die mit „Ich bin immer für Dich da“, die ist superwichtig 🙂

  3. schneegespenst

    Es ist als würdest du mich beschreiben. Früher habe ich oft nicht verstanden, warum sich manche über Dinge sorgen oder ärgern die ich direkt abhake und keinen Gedanken daran verschwende. Ich rede auch mit anderen, wenn ich was auf dem Herzen habe mache aber das meiste, bis alles, mit mir aus. Das ist auch ok und ich fühle mich gut dabei. Das verstehen andere oft nicht. Hilflos fühle ich mich auch oft, wenn ich andere leiden sehe. Zum einen muss man verstehen warum sie leiden, denn man selbst würde in der Situation ja eher nicht leiden, und man überlegt wie man helfen kann. Meistens kann man einfach nicht helfen. Es reicht aber einfach da zu sein.

  4. Danke.

  5. mellow girl

    danke, dass du diesen text geschrieben hast. und danke für gestern abend.

  6. froilleinmuh

    🙂 deine Stärke und dein Selbstvertrauen brauchst du doch nicht in Tüten abpacken. Du bist für deine Freunde da, etwas schöneres gibt es in einer Freundschaft doch gar nicht 🙂

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