Little James goes Bollywood

Wer Fernbeziehungen führt, der muss Prioritäten setzen, die vor allem die Wochenendgestaltung betreffen. Da heißt es dann häufiger Konzert der Band X/Party von Freund Y vs. Beziehung. Gerne möchte ich alle Konzerte sehen, die hier so laufen, aber natürlich möchte ich noch viel lieber den Liebsten sehen. Also steht fest: manchmal muss Bielefeld auf meine Anwesenheit verzichten und ich mache das Leben der Marzipan-Stadt ein bisschen bunter. Sofern das möglich ist.

Und manchmal erlebe ich dort ganz besondere Sachen, die ich hier so nicht erleben würde. Indische Feierlichkeiten zum Beispiel. Dinesch, der Sohn eines Freundes/Nachbarn des Liebsten wurde ein Jahr alt und das wurde am Samstag so groß gefeiert wie hier so manche Hochzeit oder ein runder Geburtstag.

Leider haben wir aus organisatorischen Gründen die ersten Stunden des Festes verpasst, aber als wir dann im extra angemieteten Saal – irgendwo muss man die rund 200 Gäste ja unterkriegen – angekommen waren, wurde uns dann von den diversen Riten berichtet, die das arme Kind schon über sich ergehen hat lassen. Unter anderem wurde ein Tuch über das Kind geworfen, so dass es nichts sehen konnte und dann wurde es beschüttet. Mit Münzen, Stiften und Süßigkeiten. Anschließend wird das Tuch wieder weggezogen und je nachdem wonach das Kind greift wird es entweder a) reich, b) klug oder c) dick. Eigentlich ist aber schon vorher klar, wonach einjährige Kinder greifen, oder?

Dass wir das verpasst haben, fand ich nicht weiter schlimm, denn nach ungefähr fünfzehn Minuten schon dachte ich, dass mir gleich mein Gehirn explodiert. Die Mischung aus indischer Popmusik (vom Band glücklicherweise) und den leuchtensten Farben, die ich jemals gesehen habe. Während ich mich für Feierlichkeiten eher gediegen dunkel (=schwarz) kleide, hatten die Frauen Saris in verschiedenen Gelb-, Grün- und Rottönen an. Was die wohl für ein Color-Waschmittel benutzen? Die kleinen Mädchen liefen alle rum wie Barbie oder Prinzessin Lillifee. Pink meets Rosa. Mit Rüschen.
Die Raumdekoration hingegen war schon fast schlicht in blau-weiß gehalten und wurde nur durch ein bisschen Glitter und Glitzerkram aufgepeppt. Auf der Bühne des Raums stand übrigens ein Tisch mit einer mehrstöckigen Torte in weiß-blau-türkis. Sieht ganz schön künstlich aus, so von weitem.

Das Buffet ist eröffnet und netterweise gab es für uns europäische Besucher (und die Kinder) eine Auswahl an milderen Speisen, die mir dennoch fast die Speiseröhre wegbrannten. Trotzdem alles lecker, wenngleich ich nicht wirklich mit Bestimmtheit sagen kann, was ich da gegessen habe. Reis auf jeden Fall. Und Hähnchen. Und irgendein Fleisch in scharfer Sauce. Und dann gab es noch Sauce, die wirklich mild und eher säuerlich war. Dazu gab es noch Teigkringel, der wie ein herzhafter Donut schmeckte.

Während wir noch am Essen waren, stellten sich schon die ersten 150 Gäste in eine Schlange. Traditionell übergibt dann jeder Gast sein Geschenk ab und wird dann gemeinsam mit dem Kind und den Eltern fotografiert. So musste jeder auf die Bühne klettern, sich in das gleißende Scheinwerferlicht stellen und ein kleines Fotoshooting über sich ergehen lassen. Mir taten Eltern und Kind leid. Bei der Masse an Gästen kann man sich ja vorstellen, wie lange die dort oben stehen und geblendet in Richtung Kamera lächeln. Und dazu noch die Hitze vom Scheinwerfer. Mir jedenfalls haben die paar Minuten völlig gereicht. Auch dazu, um festzustellen, dass die blau-weiß-türkise Torte doch echt war. Dinesch hatte nämlich zwischendurch mal beherzt reingegriffen und man konnte den Biskuit-Teig sehen. Krass.

Nach den Fotos bekamen wir noch eine Tüte mit Gebäck und weil die meisten Gäste direkt gegangen sind, sind wir auch gegangen. Allerdings haben wir heute dann erfahren, dass es noch fast bis Mitternacht ging. Vermutlich haben wir also noch diverse Bollywood-Tanzeinlagen verpasst, aber ich weiß auch nicht, ob ich das noch hätte verarbeiten können.

Einerseits beeindruckend, andererseits vordergründig der Gedanke: „Was für ein Aufwand für ein Kind, das sowieso damit überfordert ist.“ Traditionen…und ich bin kulturgeschockt. Allerdings war das Schlimmste das geschenkte Gebäck. Ungenießbar. Inder sollten sich auf Hauptgerichte beschränken. Und aufs Feiern. Das können sie.

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8 Gedanken zu „Little James goes Bollywood

  1. ninni

    Wooah, wie cool =) Ich wollte schon immer mal zu so was… Hört sich auf jeden Fall interessant an. Aber das arme Kind… Machen die das für jeden Geburtstag?

  2. *lach* Ich wäre TURBOkulturgeschockt!

  3. dieschoenheitderchance

    Das war auch wirklich ein Erlebnis. Aber ich glaube, nur der erste Geburtstag wird so groß gefeiert. Ansonsten verarmt man ja auch total…

  4. Zu solchen Feiern würde ich auch gerne hingehen, nicht gerade ein Kindergeburtstag, aber eine Hochzeit wäre mal was.

    Bin ein Fan von Bollywood Filmen, die sind so schön schnulzig. Was schönes zum „auf die Couch sitzen“ u. träumen. 😉

  5. ich habe toni gestern noch mal getroffen,und nach der ersten auszählung hat er das geld für die party dreifach raus und wird den überschuss auf das konto vom lütten einzahlen!

    ich glaube, ich werde so eine riesenparty jetzt auch bald mal auf die beine stellen und mich damit selbstständig machen! 🙂

  6. schneegespenst

    Inder sind krass. Wenn ich an Inder denke explodiert in meinen Kopf eine Mischung aus Farben und Musik. war aber bestimmt ein tolles Erlebnis. Ich würde ja gerne mal auf so ein Fest gehen.

  7. @Netty: Ich glaube, die Hochzeit läuft ähnlich ab. An einen Kindergeburtstag hat mich das jedenfalls nicht erinnert.

    @Superlupo: Ich schätze aber auch, dass da einige tiefer in die Tasche gegriffen haben, als hierzulande üblich. Das war ja schon wie bei einer Konfirmation oder so.

    @Schneegespenst: Das war wirklich eine Farb-Musik-Explosion. Hat aber Spaß gemacht und war mal was ganz anderes…

  8. Ich kann Indern nicht mehr zuhören. Die machen mich mit ihrem Akzent wahnsinnig 🙂
    Aber ich mag das Essen, wáre also definitiv auch hingegangen. Habe hier schon einige Inder kennengelernt, aber musste leider immer wieder feststellen, dass wir nicht zusammenpassen. Die ganze Lebenseinstellung und Weltanschauung ist zu verschieden. Das fängt bei der Arbeit an und hört beim Ausgehen auf. Aber deswegen reden wir ja auch von Kulturen 🙂

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