Fast married

Am Ende dieser Woche heiratet eine Freundin von mir, die ich noch aus der Schulzeit kenne. Acht Jahre lang waren wir nahezu unzertrennlich. Dann machten wir Abitur, sie ging für ein Jahr in die USA, ich fing meine Ausbildung an und verbrachte mehr und mehr Zeit in Bielefeld. Nach ihrer Rückkehr studierte sie in Niedersachsen und ich verließ die kleine Stadt und nistete mich in Bielefeld ein. Und so kam sie, die Zeit des „Keine-Zeit-habens“. Hier hatte ich was vor, dort musste sie für die FH lernen. Der Kontakt bröckelte, aber wir haben uns so durch die Jahre gehangelt. Ab und an telefonieren, besuchen und sogar Briefe schreiben. Es war nicht so wie früher, und das hat ab und an ganz schön weh getan. Aber es war ein Ende abzusehen.

 

2007 ist sie dann wieder in unsere alte Heimatstadt gezogen und ich dachte, dass es nun wieder bergauf gehen würde. Immerhin ist es nur eine halbe Stunde entfernt, dass ich ja machbar, vor allem, weil wir beide ein Auto haben. Aus dieser großen Freundschaft aus der Schulzeit war mittlerweile zwar nur noch eine „kleine“ Freundschaft geworden, die hauptsächlich deswegen bestand, weil wir nun mal jahrelang befreundet gewesen sind, aber nun gut. Unser Leben hatte sich in zwei vollkommen unterschiedliche Richtungen entwickelt. Frühere Gemeinsamkeiten schliefen ein wenig ein, aber trotzdem schätz(t)e ich in vielen Dingen ihre Meinung, weil sie einfach eine Person ist, die mich seit Jahren kennt.

 

Jetzt ist sie schwanger und ich habe sie seitdem nicht mehr gesehen. Am Anfang musste sie noch Dinge für die FH erledigen und außerdem geht es ihr nicht gut und ihr ist ständig schlecht. Ich weiß nicht, wie es ist, schwanger zu sein und erlaube mir da kein Urteil. Aber es gab Tage wo ich mich schon gefragt habe, ob es nicht doch für eine Stunde möglich sein könnte, dass wir uns sehen. Nach mehreren Versuchen meinerseits, die alle im Sande verlaufen sind, habe ich ihr gesagt, sie solle sich melden, wenn es ihr wieder passt. Ich weiß nicht, ob wir uns dieses Jahr noch sehen würden, wenn ich nicht jetzt zu der Hochzeit gehen würde.

 

Mit ihrem Freund kam ich von an Anfang an nicht wirklich gut klar. Mittlerweile geht es sogar, aber ich konnte nie so wirklich nachvollziehen, was sie an ihm findet. Es fehlte mir einfach etwas, dieses gewisse Etwas. Ich sah dort zu wenig Leidenschaft und zu viel Vernunft. Aber was weiß ich schon? Vielleicht ist dort Leidenschaft und glühende Liebe und ich bemerke sie einfach nicht. Vielleicht brauchen sie sie auch einfach nicht so sehr, wie ich es für mich brauche. Vielleicht hat sie ja das, was sie wirklich glücklich macht. Und selbst wenn ich es nicht verstehen kann und wenn es für mich zu wenig wäre, so muss ich es akzeptieren. Und auch wenn es natürlich etwas Dramatisches hätte, wenn ich während der Trauung aufspringen und „Nein! Tu es nicht!“ rufen würde, so lasse ich das natürlich. Vermutlich. Ich meine, sie kommt ja auch nicht zu mir und sagt, dass ich jetzt aber endlich heiraten und Kinder bekommen muss.

 

Manchmal ist es wirklich nicht einfach, Leute zu verstehen, die ein anderes Leben führen als man selbst. Sehen sie nicht wie toll das ist? Wie viel Spaß man hat? Ok, nein, jeder darf für sich selbst entscheiden, wie er lebt und was er macht. Auch wenn ich dahingehend noch ein wenig an meiner Toleranzgrenze arbeiten sollte. Aber diese Woche werde ich noch hauptsächlich drei Probleme lösen müssen, die mein Toleranzproblem in den Hintergrund drängen:

 

1. Wo finde ich eine Karte, die ich zum Geschenk legen kann, bei der nicht sofort mein Würgereflex ausgelöst wird?

2. Was schreibe ich auf diese Karte bloß drauf?  und

3. Was ziehe ich an?

 

Und dann wünsche ich mir, dass sie mich anschaut und mir überzeugend sagt, dass sie glücklich ist. Ich glaube, es würde mir besser gehen.

 

 

 

 

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Kategorien: I hope, I think, I know, me, myself & I | Schlagwörter: , , | 8 Kommentare

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8 Gedanken zu „Fast married

  1. Es ist wirklich merkwürdig, wenn man sich nach langen Jahren der Freundschaft plötzlich „ganz woanders“ wiederfindet und mit dieser neuen Situation zurechtkommen muss. Vor allem dann, wenn man dem anderen sein Glück nicht so recht glauben kann (oder glauben will).

    Aber ich kann sagen, ich hatte lange Zeit das gleiche Problem mit einer Freundin und konnte viele (eigentlich fast alle) ihrer Entscheidungen und Sinneswandel so gar nicht nachvollziehen. Mir kam ihre eingegangene Beziehung zu überstürzt und viel zu schnell viel zu groß vor. Für mich stand irgendwie fest, dass das auf Dauer nichts würde werden können. Und dass wir uns dann irgendwann gar nichts mehr zu sagen haben würden. Es war mir suspekt, dass sie plötzlich so sehr auf ihren Freund fixiert war und förmlich Amok gelaufen ist, wenn er sie mal für 24 Stunden allein gelassen hat.

    Jetzt hat es sich alles wieder eingependelt. Natürlich sind wir nicht mehr so eng miteinander befreundet wie das mal war. Aber wir stehen und dennoch viel näher als es lange der Fall war, nur vielleicht ein bisschen auf einer anderen Ebene. Sie ist immer noch mit ihrem Freund zusammen, die beiden haben vor zwei oder drei Jahren ein Reihenendhaus gekauft und sind im Mai Eltern geworden. Manchmal ist sie mir schon zu sehr Hausfrau und Mutter, aber im Großen und Ganzen kommt jetzt wieder mehr „Verstand“ bei ihr durch. Und ich weiß auch, dass sie wirklich glücklich ist. Vielleicht geht dir das ja mit deiner Freundin irgendwann genauso. Es wäre zu wünschen.

    Und zu deinen Fragen… Schreib doch irgendwas auf die Karte, was sich ein bisschen auf die alten Zeiten mit ihr bezieht und aber auch gleichzeitig vielleicht so ein ganz bisschen deine Sorge bezüglich des Ganzen widerspiegelt. Das dann allerdings möglichst so formuliert, dass es gar nicht so sehr auffällt. Sondern vielleicht nur dann, wenn sie wirklich nicht ganz so glücklich ist wie sie behauptet. Damit sie merkt, dass dir immer noch viel an ihr liegt. Hey, das ist ja natürlich auch eine sehr einfache Angelegenheit. Vergiss dann diesen Ratschlag besser wieder.

    Aber: Schau mal in einem kleineren Buchladen nach Karten, in meinem bevorzugten Buchhandel gibt es da wirklich schöne Exemplare, die auch nicht großartig kitschig sind.

  2. dieschoenheitderchance

    Huch, dein Kommentar ist ja fast länger als mein Text 🙂 Aber du hast recht, irgendwas wird schon bleiben. Und wegen der Karte wird mir sicherlich auch noch was einfallen. Sofern ich eine Passende finde…

  3. Also Sprüch für solche Anlässe findet man immer im Netz. *g*

  4. dieschoenheitderchance

    *lach* es soll doch was PERSÖNLICHES sein 🙂 Aber eigentlich eine ausgezeichnete Idee.

  5. mellow girl

    ich habe neulich eine in diesem schreibwarenladen in der altstadt zwischen lampe bank und apollo gekauft. die war ganz cool und hätte sicherlich auch bei dir keinen würgreiz ausgelöst. 😉

  6. schneegespenst

    So sind bei mir auch schon viele Freundschaften im Sand verlaufen. Einfach weil das Leben ein anderes ist. Man hat total unterschiedliche Vorstellungen und geht einen anderen Weg. Plötzlich versteht man sich nicht mehr.

    Kauf ihr ne Trauerkarte und leg nen Gutschein für die Scheidung mit rein. Gemein, ich weis 🙂

  7. superlupo

    würgereflex umgehen: schenke den beiden einfach eine improvisierte oasis-hochzeitskarte. du würdest dein gesicht nicht verlieren, immerhin weiss sie, dass du „rock+roll“ bist und zweitens beweist du damit geschmack und bleibst dir selbst treu und vergisst den hauptgrund des anlasses nicht, weil du irgendwo das wort hochzeit mit auf der rückseite einbaust!

    2. siehe punkt 1

    3. outfit: ny-mütze, oasis-sonnenbrille und cordhose!

    it´s only rock and roll but i like it!

  8. dieschoenheitderchance

    @ Schneegespenst: Böööööse 🙂

    @ Superlupo: Dann müsste ich ja noch kreativ werden. Ne, ich kauf lieber eine. Hab schon eine gesehen, die ich vermutlich nehmen werde. Und mir wird noch was einfallen für den Text.

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