Es gibt so Dinge, die einen an die eigene Kindheit erinnern, und die so wunderbar sind, dass man sie sich ab und zu wieder ins Gedächnis rufen sollte. Manchmal stehe ich vor einem Kletterbaum und denke „einfach mal wieder hochklettern!“ Und manchmal tu ich das dann auch einfach. Ich glaube, ich hatte eine sehr glückliche Kindheit. So bis ich 10 oder 12 war, da war die Welt noch vollkommen in Ordnung. Den ganzen Sommer über waren wir draußen, sind durch Wald und Felder gestreift, haben Bäche gestaut und den Bauern geärgert. Es war – rückblickend – das Paradies.
Manchmal erinnere ich mich an Dinge, sehe bei anderen Menschen Geschirr oder Besteck, das wir auch hatten, zum Beispiel. Und seit einigen Wochen denke ich ja immer und immer wieder an mein Lieblingskinderbuch „Mio, mein Mio“ von Astrid Lindgren, welches ich so gerne noch mal lesen möchte.
Als Kind bin ich nach der Schule oft zur Arbeit meiner Mutter gegangen, damit ich nicht alleine zuhause sein musste. Ja, ich war Schlüsselkind, und nein, es hat mir nicht geschadet. Aber es war viel schöner, durch die Stadt zu ihr zu gehen und dann gemeinsam mit ihr nach Hause zu fahren. Freitags hatte ich nur vier Stunden Schule, da hab ich das immer gemacht. Und Freitag morgen bekam ich dann immer etwas Geld, dann konnte ich mir unterwegs eine Strohsemmel kaufen. Strohsemmeln gehörten zu meiner Kindheit wie Cola aus Dosen trinken und Zwieback mit Butter und Zucker. Sie gehörten dazu.
Vor etwa einem Jahr war mir mal wieder nach einer Strohsemmel. Und ich hatte Glück. Strohsemmeln gibt es nämlich nur in Lippe. Eigentlich kommen sie aus Lemgo, aber ich glaube, in jeder lippischen Stadt gibt es Bäckereien, wo man sie kaufen kann. Tagelang erzählte ich meinen Kollegen davon, die sich nichts darunter vorstellen konnten, bis mir der Geistesblitz kam: Bielefeld hat nämlich eine lippische Bäckerei, direkt am Alten Markt. Es ist die gleiche „Kette“ (es gibt glaub ich drei oder vier Filialen) in der ich schon als Kind meine Strohsemmeln gekauft habe.
Und endlich konnte ich sie meinen Kollegen zeigen und sie auch probieren lassen. Strohsemmeln sind eigentlich ganz schlichte Hefebrötchen. Sie sind weich, wie Milchbrötchen, aber nicht süß, sondern eher geschmacksneutral. Und auf Stroh gebacken, das kann man sehen, wenn man sich die Unterseite vom Brötchen anschaut.
Bei Twitter habe ich mit dem Wort „Strohsemmel“ jedenfalls eine ganz schöne Welle losgetreten. Jeder, der sie nicht kennt, tut mir leid. Obwohl es so ein simples Brötchen ist (ich esse die immer pur, da muss nichts drauf gelegt oder geschmiert werden), sollte jeder mal in seinem Leben ein solches gegessen haben. Vielleicht wird Lippe jetzt mit Touristen überflutet, die dort hinpilgern. Strohsemmeln haben übrigens keine Wikipedia-Seite, wie schade das ist. Während ich noch fast den Geschmack meiner heutigen Strohsemmel auf den Lippen schmecke, dürft ihr euch zurückerinnern, an die Kindheit und die schönsten Kindheitserinnerungen. Es lohnt sich.

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