Weihnachten bei Familie Schlimm

Ich muss es leider sagen. Wo Licht fällt, fällt auch Schatten. Will meinen: wo es eine Familie Super gibt, gibt es auch eine Familie Schlimm. Schließlich hat man ja immer eine Familie mütterlichseits und eine väterlichseits. Und in meinem Falle sind die so unterschiedlich, dass man es kaum in Worte fassen kann. Irgendwann kam dann mal in meinem Freundeskreis die Bezeichnung „Oma Schlimm“ auf und mit Freuden adaptierte ich das auf den kompletten Familienzweig.

Familie Schlimm also. Ein Nachmittag dauert dreieinhalb Stunden, das fühlt sich aber an wie mehrere Jahre. Man hat sich gerade niedergelassen und startet etwas zähflüssige Konversation – meist über den glücklicherweise schon vorhandenen Nachwuchs, sonst gäbe es nämlich vermutlich überhaupt keine Gesprächsthemen – schon platzt der eine Cousin dazwischen und fragt einen absonderliche Fragen wie „hast du auch einen DVD-Player?“ oder „Möchtest du mal mein neues Parfum riechen?“. Das ist ein wenig irritierend. Schlimmer hingegen ist meine aufopferungsvolle Tante, die einem ungefähr dreimal in der Minute Kuchen, Kaffee oder andere Getränke anbietet. Sie würde es sogar für einen holen. Sie würde einen wohl sogar füttern, wenn man zu faul dazu ist. Hauptsache, sie kann etwas für dich tun. Ihr Mann hingegen würde vorm gefüllten Kühlschrank verhungern, wenn sie mal versehentlich das Haus für längere Zeit verlassen würde.

Es ist merkwürdig. Schlimm. Meine Schwester und ich sitzen dort herum wie fremd. Nein, nicht wie fremd, wir sind fremd. Wir haben nur zufällig einen gemeinsamen Teil der DNA. Oder einen ähnlichen. Wie auch immer. Ich habe es irgendwie raus und kann alles um mich herum komplett ausblenden und konzentriere mich einzig und allein auf die Musik im Hintergrund. Natürlich schrecke ich ein wenig hoch, als meine Schwester mich anspricht, aber außer ihr wird das niemand gemerkt haben.

Keiner streitet. Ich glaube auch, dass die anderen diese Treffen wirklich schön finden. Oder dass sie zumindest nicht so traumatisiert nach Hause fahren wie meine Schwester und ich. Wehmütig denke ich an Familie Super. Wo wir einfach wir selbst sein können. Ungezwungen, mit Ecken, Problemen und Fehlern. Wo jeder uns trotzdem liebt und uns das auch zeigt.

Super und Schlimm.
Weihnachten im Kreis der Familie ist vorbei.
Geschafft.

4 Antworten to this post.

  1. Veröffentlicht von AndiBerlin am Dezember 26, 2008 um 9:44

    Ui ui, der Besuch bei meiner Familie Schlimm steht mir heute erst bevor. Ich beneide Dich darum das Du es schon hinter Dir hast.
    Mein Schwager hat sich schon abgemeldet, der „muß arbeiten“… der Glückliche!
    Übrigens, das mit dem Ausblenden kenne ich nur all zu gut. Das praktiziere ich bei Besuchen zu Feierlichkeiten in der Familie auch immer, und es klappt sehr gut. Oder aber ich habe Glück und meine kleine Nichte will mit mir und den Puppen spielen. Auf letzteres kann ich heute aber nicht hoffen, da sie dort heute auf ein Mädchen in ihrem Alter trifft, und ich so abgemeldet bin. Tja, bleibt mir dann heute wohl nur das „Ausblenden“. :roll:

  2. Veröffentlicht von brohm am Dezember 27, 2008 um 3:03

    hast du denn auch einen dvd-player?

  3. @ Andi: Ich glaube, jeder hat so eine Familie Schlimm…
    @ Brohm: Ja.

  4. Veröffentlicht von Simone am Dezember 28, 2008 um 6:53

    DVD-Player, was ist das denn ;-) ))

    Weihnachten ist gerade vorbei, und weißt Du was – morgen ist der 85. Geburtstag meiner Oma! Ich liebe meine Oma, aber der Rest ist schlimm! Schlimm, schlimm, schlimm! Und damit es richtig schlimm wird, gehe ich vorher noch zum Zahnarzt…

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