Vorurteile sind ja dazu da, um gepflegt zu werden. Oder um sie abzubauen. Nach 1 1/2 Jahren Pott habe ich einige Vorurteile noch mal dick in meinem Vorurteils-Büchlein markiert und unterstrichen. Andere aber auch durchgestrichen. Natürlich leben hier viele Vollpfosten und Proleten. Aber es gibt noch mehr ganz zauberhafte, normale Menschen. Kluge, lustige, herzliche Menschen.
Ich brauchte tatsächlich etwa ein Jahr, um mit dieser Herzlichkeit umgehen zu können. Und es passiert mir auch immer noch, dass ich selbst das Gefühl habe, vollkommen unentspannt zu wirken, wenn ich neue Leute kennen lerne. Aber immerhin verschreckt es mich nicht mehr vollkommen, wenn diese fremden Menschen dann direkt offen auf mich zu gehen und mich zum Beispiel nach etwa einer Stunde Bekanntschaft schon in den Arm nehmen (in Teilen Ostwestfalens wird man für so ein Vergehen glaub ich noch auf dem Marktplatz gehängt).
Ich mag Dortmund und das Ruhrgebiet. Ich habe erkannt, dass nicht allein die Stadt in der man lebt, verantwortlich dafür ist, wie glücklich man ist. Aber tatsächlich ist es hier einfach enorm lebenswert. Dortmund ist die drittgrößte Stadt NRWs und ich mag es, in einer Großstadt zu leben. Kino, Konzerte, Ausstellungen, Flohmärkte: es ist immer was los. Und wenn nicht hier, dann in der nächsten Stadt.
Und weil ich neulich mal hörte, wie jemand sagte, er stelle sich das Ruhrgebiet (und speziell) Dortmund als graue Stadt ohne Bäume vor: das Ruhrgebiet ist so unglaublich grün, dass es eigentlich eine Hölle für jeden Allergiker ist. Wer es mir nicht glaubt, der mag mich gerne besuchen kommen und feststellen, dass die hässliche B1, die einmal durch ganz Dortmund geht, eine Allee ist. Selbst Leute in meinem Alter wissen nicht mehr, wie rauchende Schornsteine aussehen. Und wenn was in der Luft ist, was sich auf die weiße Wäsche legt, dann ist das höchstens noch die Schlacke vom Fußballplatz. 60 % des Ruhrgebiets (so las ich, ich habe es nicht persönlich ausgerechnet) ist Wald, Park, Gewässer – sprich “Freiraum”. Man gibt sich wirklich Mühe, renaturiert Flüsse, legt Seen an. Es gibt die Ruhr, Kanäle und wunderschöne Seen.

(Am Hengsteysee, 2011)
Alte Zechen und Industrieanlagen werden zu Kulturstätten und auf dem sehr fruchtbaren Boden wächst alles Mögliche wie wild. Postindustrielle Spontanvegetation.
Dortmund ist mehr als nur der BVB. Manchmal glaube ich, dass die Stadt selbst sich zu sehr darauf reduziert. Sie können ja auch stolz sein auf ihre Meisterschaft. Aber Dortmund ist einfach noch mehr als nur Fußball. Es ist Stadt und Landschaft, Shopping-Paradies, nette Menschen, Bier, das Juicy Beats, Musik und Kunst und Kultur. 1 1/2 Jahre Ruhrgebiet. Home ist nun mal where your heart is.
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